Christian aTunde Adjuah

Christian Scott


Concord/Universal 7233237
(120 Min.)

„Man nehme, so man hat ...“ steht oft in mittelalterlichen Kochbüchern. Für den heißen Sud seiner von ihm selbst als „Stretch Music“ bezeichneten Fusion-Variante kann Christian Scott aus einer gut gefüllten Vorratskammer schöpfen. Der Gestaltungsspielraum des 29-jährigen Trompeters reicht von rauen, angefressenen Tönen, wie sie Freddy Hubbard früher beherrschte, zu den kühlen, ansatz- und vibratofreien, die Miles Davis berühmt machten oder den mit Strömungsgeräuschen vibrierenden à la Don Cherry – und diese immense Spannweite wirkt keinesfalls manieriert oder angelernt, sondern organisch gewachsen. Damit dehnt er die Grenzen der gängigen Jazzstile so weit aus, dass neue, ungewöhnliche Kombinationen entstehen. Minimalistisches findet sich hier ebenso wie übersteuert Verzerrtes, Psychedelisches, Hip Hop, groovende Swinganklänge, Free-Jazz-Elemente, Afrikanisches, Rockendes, Punk und Funk, Trash, Noise, Soul, Balladen und schnelle Tempi. Mal scheinen sich Klangwolken im Stil von John McLaughlins in den 1970ern bedeutendem Mahavishnu Orchestra in die Grunge-Garage zu begeben, mal schimmert die Trance der Bitches-Brew-Sessions von Miles Davis durch.
Der Schlagzeugwirbelwind Jamire Williams, der Bassist Kristopher Keith Funn und der Pianist und Keyboarder Lawrence Fields verquicken auf dem Doppelalbum all diese Einflüsse so perfekt, dass ein verblüffend dichtes Tongericht entsteht. Diese Vielfalt passt zu einer Generation, die auf allen Kanälen Informationen in sich aufsaugen kann. Dabei unterscheidet sich Christian Scott von vielen: Er begnügte sich in seinen Studien nicht mit einem oberflächlichen Klang-Wikipedia, sondern er ging in die Tiefe der einzelnen historischen Stile, um deren Kernelemente – getragen von Wissen, Erfahrung und Können – umzuformen und neu zu kombinieren. Dies passt zum Gesamtbild, denn auch Scotts Website www.christianscott.tv ist eine vorbildliche Mischung aus Informationen, Musik und Videos.

Werner Stiefele, 14.07.2012


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Zu den zahlreichen Widersprüchen im Leben von Richard Strauss gehört auch, dass er zwar ein gutbürgerliches Dasein mit Plüschsofa und Sonntagsbraten zu schätzen wusste, aus seiner Abneigung des Bürgertums und der Religion - zumindest im Konzertsaal - keinen Hehl machte. Ein Jahr, nachdem er den Philistern mit seinem Satyrspiel vom "Till Eulenspiegel" eine lange Nase gedreht hatte, ließ der 32jährige sein Opus 30 "Also sprach Zarathustra" in Frankfurt uraufführen. Der berühmteste Sonnenaufgang der (Film-)Musikgeschichte ist schließlich nur der Vorhang zur aufwändig und kulinarisch instrumentierten Tondichtung über Fall und Aufstieg des Philosophen (in dem sich dessen Autor Friedrich Nietzsche zu einem guten Teil selbst porträtierte). Der eingängige Dreiklang des Beginns durchzieht als Tonchiffre der Natur das ganze Werk wie eine Mahnung, an der sich der Erleuchtete abzuarbeiten hat. Den trieb die Sehnsucht unter die stumpfe Herde seiner Mitmenschen, die - mit Straussschem Tonwitz persifliert - völlig der Religion und der trockenen Wissenschaft hörig sind. Genesung bringt dem Enttäuschten das göttliche Vergnügen des Tanzes (bei Strauss ein schwungvoller Walzer), bevor zum guten Schluss der menschliche Geist Zarathustras in überirdisch leuchtendem H-Dur-Akkord seinen Frieden findet. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg kombiniert unter seinem Chef François-Xavier Roth in der neusten Folge aller Strauss'schen Tondichtungen nun den "Zarathustra" mit dem Poem "Aus Italien" und besticht durch straffe Tempi und einen warmen, seidigen Orchesterklang, der - von der Tontechnik tiefenscharf eingefangen - die unzähligen Klangvaleurs Straussscher Instrumentation zum Leuchten bringt.