Anton Bruckner, Hans Rott

Streichquartette

The Israel String Quartet


Quintone/codaex Q 10002
(59 Min., 9/2008)

Hier ist etwas Seltenes, Aufwühlendes abseits der gewohnten Pfade zu entdecken, die Musik Hans Rotts (1858-1884). Als sei ein gescheitertes, in geistiger Umnachtung endendes Leben nicht Strafe genug, scheint er verdammt zu sein, in der Mahler-Biografik – und nur dort – mit der immer gleichen, lächerlichen Anekdote fortzuleben: Bei seinem Zusammenbruch hatte er behauptet, Brahms wolle einen Zug in die Luft sprengen. Nichts überglänzt die ungelenke Absurdität dieses Wahnbilds.
Rott, ein Kommilitone Mahlers, schuf eine Kunst, deren Gefühlsgeladenheit gefährlich selbstverzehrend sein musste. Das fin de siècle war nah. Bekannt geworden ist in den letzten Jahren einzig seine Sinfonie, die sein Lehrer Anton Bruckner gegen die Häme seiner Professorenkollegen in Schutz nahm: Vergebens, gedruckt wurde das Werk erst 1989! Vielleicht ist das Quartett c-Moll ein sogar noch verstörenderes Stück Bekenntnismusik. Der Kopfsatz beginnt wie eine eigenartig amalgamierende Phantasie über die Introduktion des Mozartschen Dissonanzen-Quartettes, gekreuzt mit jener der ersten Sinfonie von Brahms und aufgeladen mit Tristan-Harmonik – eine unmögliche, überladene Melange eigentlich. Doch herablassendes Lächeln über „kleinmeisterlich“ kurioses Epigonentum dürfte sich bald verlieren. Aus diesem unerhörten Einschmelzungsprozess geht ein geradezu bestürzend visionärer Stil hervor. Ein erbarmungsloser Pulsschlag dominiert den ganzen, thematisch dicht gewobenen Satz und wandert in das folgende, zwölfminütige Adagio hinüber, dessen schillernde und instabile Harmonik verblüffend auf das berühmte Adagietto der „Fünften“ Mahlers vorausblickt. Mehr noch, Rott schuf geradezu ein Muster für das verzweifelt-kaleidoskopische Nebeneinander in Mahlers Musik. Der hatte übrigens die Größe, es in Briefen einzuräumen.
Der 22-jähige Komponist war sicherlich noch kein Meister perfekt ausbalancierter Quartett-Texturen. Das konnte und wollte Rott ja auch gar nicht. Er brachte ein maßloses Stilarsenal auf, um dem Wahn und gärenden Welt-Ungenügen eine Stimme zu verleihen. Die späte Kammermusik des ebenfalls jung gestorbenen Guillaume Lekeu (1870-1893) trägt sehr ähnliche Züge. Mit herkömmlichem musikwissenschaftlichem Vokabular kann man kaum einfangen, was einen da anweht. Es ist die Musik derer, die nicht leben konnten.
Diese Aufnahme mit dem Israel String Quartet ist bereits die zweite (die erste Fassung mit dem Mainzer Streichquartett kenne ich nicht), sie ist klanglich und aufnahmetechnisch hinreißend, und so klug die Kombination mit dem selten zu hörenden frühen Quartett seines Lehrers und Fürsprechers Anton Bruckner auch sein mag, wirkt der Großsinfoniker doch recht blass neben seinem unerhörten Schüler.

Matthias Kornemann, 14.07.2012


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