Live At Art D’Lugoff’s Top Of The Gate

Bill Evans


Resonance/Codaex HCD-2012
(90 Min., 10/1968) 2 CDs/3 LPs

Der Pianist Bill Evans hat einst die Konzeption des Pianotrios in Richtung Emanzipation der Begleiter nachhaltig verändert. Die heute allgegenwärtige Neue Innerlichkeit am Klavier wäre ohne das legendäre 1960er Evans-Trio undenkbar. Dabei hatte sich dieser introvertierte weiße Musiker zuvor in der so energetisch schwarzen Band eines MiIes Davis behauptet. Im Jahr 1968 gelang es Evans erneut, ein stabiles Trio zu organisieren. Der virtuose Eddie Gomez spielte Bass und der punktgenaue Marty Morell saß am Schlagzeug. George Klabin, ein junger Radiomacher, durfte das neue Evans-Trio bei seiner Premiere im Top Of The Gate, der Restaurant-Club-Dépendance des darunter liegenden Jazz-Tempels Village Gate, für sein Programm aufnehmen.
Heute, da man glaubt, alles von Evans zu kennen, ist der alte Traum von George Klabin wahr geworden, und die Aufnahmen konnten in einer aufwendigen Doppel-CD- bzw. 3-LP-Ausgabe erscheinen. Es ist wohl der kurzen Bandzugehörigkeit von Morell geschuldet, dass fast nur Standards zu Gehör kommen. Auch mag es an der spezifischen Atmosphäre in diesem Diners’ Club liegen, dass die Sophistication des Evans’schen Akkordvoicings hier nicht von der bekannten duftigen impressionistischen Leichtigkeit ist, sondern als stetig jeden Beat begleitende, harmonisch dichte Verschleierung in der linken Hand daherkommt. Der Übereifer von Gomez verdichtet das Geschehen zusätzlich. Das Trio ist hier also in ungewohnt expressiv spielfreudiger Laune zu erleben, doch ist es eine Spielfreude, die den oft berückenden spezifischen Zauber der Evans’schen Musik immer wieder zu konterkarieren droht.

Thomas Fitterling, 21.07.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.