Die geistlichen Werke dieser CD sind miteinander verbunden durch die Tatsache, dass Johann Sebastian Bach sie in den von ihm musikalisch zu betreuenden Leipziger Gottesdiensten aufgeführt hat. Und die Komponisten der Werke haben gemeinsam, dass sie allesamt in Beziehung zu Johann Sebastian Bach zu bringen sind. Im Falle von Johann Ludwig Bach ist dies eine – wenngleich sehr entfernte – verwandtschaftliche Beziehung: Der 1731 verstorbene Meininger Hofkapellmeister gehörte einer Nebenlinie der weit verzweigten Bach-Familie an. Johann Ludwig Krebs und Johann Gottlieb Goldberg (letzterer jener Virtuose, nach dem die Goldberg-Variationen benannt sind) waren beide Schüler Johann Sebastian Bachs.
Warum die lange Vorrede? Weil genau diese Aspekte das Spannende am Programm dieser CD ausmachen. Wie mag es gewesen sein, von Bach in der Tonkunst unterrichtet zu werden? Bach hatte viele Dutzende Schüler; er muss gerade auf die begabteren von ihnen eine gewaltige Wirkung entfaltet haben – inspirierend, aber auch einschüchternd, beflügelnd, aber sicher manchmal auch lähmend. Goldberg und Krebs, die zweifellos viel von ihm profitieren konnten, haben harmonisch und satztechnisch so manches ausprobiert, was sie bei ihrem übergroßen Meister vorgefunden haben: Die effektvolle Chromatik im Eingangschor von Goldbergs Kantate „Durch die herzliche Barmherzigkeit“ und das weit ausgreifende Ritornell der anschließenden Sopranarie zeugen ebenso davon wie etwa das erste Fugato-Soggetto in Krebs‘ „Magnificat“, das leider ein wenig nach „Bach-Motette für kleine Verhältnisse“ klingt. Bachs einzigartiges Können als Quelle der Begeisterung und Bürde für die Adlaten – von solchen Sorgen ist Johann Ludwig, der bei seinem großen Verwandten niemals in die Schule gegangen ist, meilenweit entfernt: Seine Musik ist schlichter, freier, unbekümmerter in der Anlage, darum aber keineswegs weniger reizvoll – der Gloria-Beginn seiner „Missa brevis“ mit dem Cantus firmus „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘“ macht wirklich Freude.
Zumindest verhaltene Freude wecken auch die interpretatorischen Qualitäten dieser CD, wenngleich die soßige Akustik der Genter „Kapel Bijloke“ (hier wurde nur der Goldberg eingespielt) auch nachhaltig stört. Nicht immer wird wirklich sauber gespielt und gesungen, nicht immer ist das Ensemble wirklich ganz zusammen: Handelt es sich eigentlich um Liveaufnahmen? Kein durchschlagender Glückstreffer, aber, wie gesagt: ein wirklich interessantes Programm.

Michael Wersin, 21.07.2012


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Wie ein Zündhölzchen wirkt, was 1712 der Hamburger Ratsherr und Kaufmannssohn Barthold Heinrich Brockes in Form seiner geistlichen Passionsdichtung in das kreative Pulverfass der Hamburger Gänsemarktoper wirft. "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS", später nur noch griffiger "Brockes-Passion" genannt, trifft den Nerv der Zeit. Die Mischung aus drastischer Passionsschilderung (die den nüchternen Bibelbericht publikumswirksam mit gruseligen Details anreichert) und Arientexten (die das Geschehen theologisch sattelfest in Allegorien aufschlüsseln und leidenschaftlich Stellung zu den Vorgängen beziehen) wirkt wie eine Steilvorlage für die Musiker, die sich um Reinhard Keiser an der ersten deutschen Bürgeroper versammelt haben. Johann Mattheson macht daraus einen Kompositionswettbewerb und fordert auch Georg Philipp Telemann in Frankfurt und Georg Friedrich Händel in London auf, sich mit einem Oratorium auf Brockes' Text zu beteiligen und sich mit Keisers Version von 1712 zu messen. Auch Johann Sebastian Bach, der in Leipzig nicht nur geografisch, sondern auch theologisch sehr weit vom liberalen Hamburg entfernt lebte, bediente sich in seiner Johannes-Passion kräftig an den zündenden Sprachbildern des Hamburger Senators. Peter van Heyghen und seinem Ensemble Les Muffatti ist nun mit Reinhard Keisers Werk, sozusagen der Mutter aller Brockes-Passionen, eine interpretatorisch souveräne Aufnahme gelungen, die den Hörer anspringt und mit ihrem leidenschaftlichen Musizieren ins Geschehen zieht. Der Vergleich mit den späteren Versionen zeigt, welche starke Ausstrahlung der Bühnenmensch Keiser bis in Details der Melodiefindung und der Affektgestaltung auf den Stil der jungen Komponisten hatte, allen voran Georg Friedrich Händels.