Anfang 2005 brachte sie in Genf eine beeindruckende Isolde auf die Bühne. Doch in den fünf Jahren bis zu dieser konzertanten Londoner "Elektra" im Januar 2010 hat Jeanne-Michèle Charbonnet ihre Stimme deutlich hörbar nicht sonderlich pfleglich behandelt. Die Amerikanerin hat ordentlich zu kämpfen, um ihr ausuferndes Vibrato halbwegs unter Kontrolle zu halten und die Stimme vernünftig zu fokussieren. Den besten Eindruck hinterlässt sie in Mittellagen-Passagen, in denen er ihr gelingt, ihren Sopran ruhig zu führen. Ansonsten ist sie ein weiteres trauriges Beispiel für den heute üblichen "Standard" im Umgang mit der eigenen Stimme.
Auch Angela Denoke kann man nicht gerade als Chrysothemis-Idealbesetzung bezeichnen. Das ungeduldig Drängende, das jugendlich Hoffnungsvolle, das sich in einem entsprechenden stimmlichen Leuchten niederschlagen müsste, fehlt ihr völlig. Gerade in der für diese Partie so wichtigen oberen Lage zeigt sich Denoke besonders unsicher, und auch sonst klingt sie eher muffig und wenig attraktiv. Komplettiert wird das Damen-Dreigespann von Felicity Palmer, die aus der Klytämnestra denkbar wenig herausholt, sie liefert verlässlich ihre Noten ab, packt aber als Figur überhaupt nicht und sorgt beim Hörer für kein nachhaltiges Interesse an dieser so vielschichtigen und dankbaren Rolle. Matthias Goerne steuert mit seinen üblichen Manierismen einen sonoren Orest bei. Am Pult des London Symphony Orchestra leuchtet Valery Gergiev die Partitur delikat und stellenweise geradezu entspannt aus, schneidet erfreulicherweise keine unnötigen Forte-Grimassen. Insgesamt aber wird diese Produktion auf dem nicht eben kleinen Elektra-Markt kaum Überlebenschancen haben.

Michael Blümke, 28.07.2012


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Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.