Back In The Days

Michael Gibbs, NDR Big Band


Cuneiform/Broken Silence 14407
(66 Min., 11/1995 - 12/2003)

In Hamburg pflegt man im Jazz traditionell die Verbindung zu Großbritannien. Ein Großbrite der besonderen Art ist der knapp 75-jährige Komponist und Arrangeur Michael Gibbs. Geboren wurde er im einstigen – britischen – Rhodesien, er studierte in den USA und lebte dann jahrzehntelang in England, bevor er wieder in die USA ging. In den 70er Jahren war er einer der bedeutendsten Arrangeure, er verband die sensible Klangsprache eines Gil Evans mit der Wucht des Rock. Er lieferte Charts für Peter Gabriel und Whitney Houston, arbeitete mit John McLaughlin und immer wieder mit dem Vibrafonisten Gary Burton. Bei der Big Band des NDR war und ist er ein gern gesehener Gast. Die vorliegende CD dokumentiert sein Schaffen mit dem exzellenten Hamburger Klangkörper zwischen 1995 und 2003. Auf drei der zwölf Titel ist Gary Burton der Solist, und der Kontrast zwischen der manchmal an Peter Herbolzheimer gemahnenden Big Band und dem filigranen Spiel Burtons ist von schwebend vibrierender Spannung. Auch die bandeigenen Solisten beeindrucken, so etwa die Trompeter Claus Stötter und Ingolf Burkhardt oder der Tenorist Christof Lauer. Aber es ist die originelle Klangsprache des Arrangeurs, die diese Musik prägt; es ist diese spezifische Mischung von auch an Olivier Messiaen geschulter, harmonischer Sophistication und der ganz natürlich wirkenden Verbindung von Gil Evans, Ellington und Mingus. Bemerkenswert, diese Selbstverständlichkeit, mit der das alles zusammengeht, und das ganz ohne vordergründige Jazz-Rock-Elemente.

Thomas Fitterling, 28.07.2012


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Zu den zahlreichen Widersprüchen im Leben von Richard Strauss gehört auch, dass er zwar ein gutbürgerliches Dasein mit Plüschsofa und Sonntagsbraten zu schätzen wusste, aus seiner Abneigung des Bürgertums und der Religion - zumindest im Konzertsaal - keinen Hehl machte. Ein Jahr, nachdem er den Philistern mit seinem Satyrspiel vom "Till Eulenspiegel" eine lange Nase gedreht hatte, ließ der 32jährige sein Opus 30 "Also sprach Zarathustra" in Frankfurt uraufführen. Der berühmteste Sonnenaufgang der (Film-)Musikgeschichte ist schließlich nur der Vorhang zur aufwändig und kulinarisch instrumentierten Tondichtung über Fall und Aufstieg des Philosophen (in dem sich dessen Autor Friedrich Nietzsche zu einem guten Teil selbst porträtierte). Der eingängige Dreiklang des Beginns durchzieht als Tonchiffre der Natur das ganze Werk wie eine Mahnung, an der sich der Erleuchtete abzuarbeiten hat. Den trieb die Sehnsucht unter die stumpfe Herde seiner Mitmenschen, die - mit Straussschem Tonwitz persifliert - völlig der Religion und der trockenen Wissenschaft hörig sind. Genesung bringt dem Enttäuschten das göttliche Vergnügen des Tanzes (bei Strauss ein schwungvoller Walzer), bevor zum guten Schluss der menschliche Geist Zarathustras in überirdisch leuchtendem H-Dur-Akkord seinen Frieden findet. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg kombiniert unter seinem Chef François-Xavier Roth in der neusten Folge aller Strauss'schen Tondichtungen nun den "Zarathustra" mit dem Poem "Aus Italien" und besticht durch straffe Tempi und einen warmen, seidigen Orchesterklang, der - von der Tontechnik tiefenscharf eingefangen - die unzähligen Klangvaleurs Straussscher Instrumentation zum Leuchten bringt.