Fables & Fiction

Daniel Prandl


Jazz’n’Arts/in-akustik 0505912
(60 Min., 9/2011)

Daniel Prandl hat noch viel vor sich. Der Mannheimer Pianist zählt zu jener raren Spezies, die ihre Hörer auf kleine Reisen mitnehmen, auf denen sie anderen Menschen begegnen, die zuhören, eigene Geschichten andeuten, mitgehen, sich zurückziehen oder gar entfernen. Diese anderen, das sind der Kontrabassist Axel Kühn (einer, der in Prandls Quartett keinen Ton zu viel spielt und aus dieser Reduktion Melodien entwickelt) und Wolfgang Fuhr (der auf Klarinette und Saxofonen in Gegenden entführt, in denen ein rauer oder ein sanfter Wind weht, in denen sich Töne voluminös entfalten können oder aber sich schmal und scharf den Weg bahnen). Kristof Körner, der Schlagzeuger, agiert eigenständig in diesem Geflecht, verbündet sich mal mit dem einen, mal mit dem anderen, grundiert, lässt gerade aufgebaute Figuren kippen und verbindet ebenso wie Prandl die unterschiedlichen Elemente zu einem dichten Erzählfluss. Dies entspricht Prandls Inspirationsquelle: Die meisten Melodien fielen ihm ein, nachdem er Texte von Else Lasker Schüler, Franz Kafka oder Gottfried Benn gelesen hatte. Welche, ist irrelevant, da er ohnehin nichts davon hält, sie direkt zu vertonen. Die Spanne reicht jedenfalls von dezenten Klezmereinflüssen bis zu einem kernigen „The Hatter“ im Fünfvierteltakt, umfasst Balladen und prickelnde Happy-Jazznummern. Musik ist schließlich Musik und nicht abgekupferte Literatur – und die ist gut so.

Werner Stiefele, 28.07.2012


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Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."