Mikołaj Zieleński

Offertoria et Communiones totius anni 1611

Emma Kirkby, Joel Frederiksen, Anna Magiera, Zygmunt Magiera u.a., Stanisław Gałoński, Capella Cracoviensis, Collegium Zieleński


Dux/Note 1 DUX0864
(370 Min., 2009-2011) 6 CDs

Die Renaissancemusik war europaweit ein internationales Geschäft, und es gab beim Austausch von Künstlerpersönlichkeiten, Notenmaterial und kompositorischen Techniken nicht nur eine Nord-Süd-Achse, sondern auch eine solche von West nach Ost, wie man hört: Mikołaj Zieleński, der etwa von 1560 bis 1620 gelebt hat und vermutlich als Kirchenmusiker am Dom zu Płock (ca. 100 Kilometer nordwestlich von Warschau) beschäftigt war, bewegt sich in seinen beiden Sammlungen von Propriumsstücken, im Druck erschienen 1611, auf der Höhe der frühbarocken Zeit. Die solistischen Nummern unter den „Communiones totius anni“ sind zwar noch als Partitur in Einzelstimmen notiert wie vokalpolyphone Motetten, aber es sind dennoch frühe Elaborate der neuen monodischen Kunst: Eine teils reich verzierte Vokalstimme tritt hervor, die restlichen Stimmen werden an der Orgel intavoliert oder (teilweise) anderen Instrumenten übertragen. Und die „Offertoria totius anni“ experimentieren mit der von Italien her verbreiteten Mehrchörigkeit. Die Sätze sind handwerklich sehr gut gemacht und lassen auf eine solide Ausbildung Zieleńskis schließen; wo er die erhalten hat, ließ sich bisher allerdings nicht klären.
Gerade weil diese bei uns so wenig bekannte Musik durchaus hörenswert ist, muss man bedauern, dass das Mammutprojekt der Gesamteinspielung der beiden großen Sammlungen von 1611 nicht von musikalischen Kräften betrieben wurde, die sich bei Umsetzen frühbarocker Musik wirklich auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe des heute allgemein zu erwartenden aufführungspraktischen Niveaus befinden. Zwar hat man mit Emma Kirkby und Joel Frederiksen zwei Stars eingekauft, die im solistischen Bereich (vor allem bei den monodischen „Communiones“) für manchen Glanzpunkt sorgen (auch wenn Emma Kirkby, so beweglich sie beim Verzieren immer noch ist, nun doch als verglimmender Stern betrachtet werden muss). Aber das rettet natürlich nicht die kompletten 370 Minuten auf sechs CDs: Die „Capella Cracoviensis“ wühlt sich hölzern und steif durch die Motetten, gleichförmig skandierend und allenfalls einigermaßen sauber intonierend. Von einer Stimmkultur, wie sie etwa bei den einschlägigen englischen Ensembles selbstverständlich ist, gibt es hier keine Spur. Gleiches gilt auch für die Solisten, die aus diesem Umkreis stammen: Unausgereifte, für die Darbietung solcher Musik nicht qualifizierende Gesangstechnik paart sich oft mit mangelnder Vorstellung davon, wie diese Stücke optimaler Weise klingen könnten. Schade: So viel Mühe scheint investiert worden zu sein, und doch wurde eine Chance vertan.

Michael Wersin, 28.07.2012


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