John Dowland, William Lawes, Antonio de Salazar, Gaspar Fernandes u.a.

Motion Of The Heart, Viva Frida!

The Dublin Drag Orchestra


Heresy/Naxos HERESY003
(46 Min., 2011) 2 CDs

Grell geschminkte Lippen und prachtvolle Barockkostüme – auf den Fotos zu ihrer Debüt-CD machen die Musiker ihrem Namen „Dublins Transvestitenorchester“ alle Ehre. Doch die Entwarnung folgt auf dem Fuß. Denn trotz seiner schrillen Optik meint es das Dublin Drag Orchestra im Stile eines klassischen Alte Musik-Ensembles vollkommen ernst. So hat man sich für das erste Programm der Doppel-CD (die von ihrer Spielzeit auch auf einen Silberling gepasst hätte) Werke der großen English Connection des frühen 17. Jahrhunderts ausgesucht. Passend zum CD-Titel „Motion Of The Heart“ wechseln sich so die üblichen, von Liebesleid durchgeschüttelten Songs von John Dowland und John Ward mit nachdenklichen Consort-Stücken von William Lawes ab. Ganz ohne subkulturelle Attitüde feiern die Sänger und Instrumentalisten da einfühlsam das magische Innenleben dieser zeitlos wertvollen Klangkunstwerke. Um aber zumindest den Herz-Schmerz-Ton von einst dann doch mal im 20. Jahrhundert zu spiegeln, endet „Motion Of The Heart“ mit einer geschmeidig sentimentalen Coverversion von „Cold, Cold Heart“ des Country-Sängers Hank Williams.
Der zweite (CD-)Teil ist mit „Viva Frida!“ hingegen der mexikanischen Malerin Frida Kahlo gewidmet. Und natürlich haben sich Mitglieder des Dublin Drag Orchestras dafür entsprechend ausstaffiert, mit quietschend farbenfrohen Gewändern und Hippie-Blumengestecken im Haar. Glücklicherweise bleibt es aber auch hier nicht beim kunterbunten Schein. Immerhin lenkt man stimmschön sowie mit Cembalo, Streichern und Percussion das Ohr auf eine Epoche, in der die spanische Renaissance- und Barockmusik in der mexikanischen Volksmusik Wurzeln schlug. Und wer sich dabei an die musikalische Entdeckungsreise erinnert fühlt, auf die sich vor einigen Jahren die Star-Gambistin und Dowland-Expertin Hille Perl mit ihrem ibero-mexikanischen „La Hacha“-Projekt gemacht hat, der liegt gar nicht so falsch. Schließlich wird ein Mitglied des Dublin Drag Orchestra ein besonderes Wörtchen beim Repertoire mitgeredet haben – und zwar Perls gambenspielende Tochter Sarah.

Guido Fischer, 04.08.2012


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Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.