Georg Philipp Telemann

Flavius Bertaridus

Antonio Abete, David DQ Lee, Jürgen Sacher, Nina Bernsteiner u.a., Academia Montis Regalis, Alessandro De Marchi


deutsche harmonia mundi/Sony 88691 926052
(205 Min., 8/2011) 3 CDs

In einem Punkt erweist sich Alessandro De Marchi als würdiger Nachfolger von René Jacobs als künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen: Er bringt die wirklich reizvollen unter den vergessenen Barockopern auf die Bühne des Tiroler Landestheaters, Werke für deren späte Bekanntschaft man ihm dankbar ist. Gleichwohl ist nicht zu überhören, dass bei Jacobs ein anderes vokales Niveau herrschte als bei seinem Schüler De Marchi. Als ehemaliger Sänger hatte der Flame natürlich ein äußerst geschicktes Händchen bei der Auswahl der Stimmen, während man bei De Marchi nach einem guten (wenn auch nicht sehr guten oder gar exzellenten) Einstieg 2010 mit Pergolesis "L'olimpiade" in seinem zweiten Innsbrucker Jahr deutliche Abstriche machen muss.
Das fängt schon an, sobald sich der Vorhang gehoben hat: Da erlebt man einen Italiener im – nicht sonderlich erfolgreichen – Kampf mit der deutschen Aussprache. Leider bereitet Antonio Abete als Grimoaldus aber auch stimmlich wenig Freude, sein Bass fällt unangenehm häufig ins Meckern. Auch Countertenor David DQ Lee alias Onulfus gehört nicht zur ersten Riege seines Fachs. (Und ehrlich gesagt auch nicht zur zweiten.) Und Jürgen Sacher (Orontes) zählt nicht zu den stimmschönsten Vertretern der Gattung Tenor, ist aber zumindest technisch sehr versiert.
Bei den Damen sieht die Sache deutlich besser aus, mit Ausnahme der Rodelinda von Nina Bernsteiner, deren Sopran ab der oberen Mittellage einen recht säuerlichen Klang annimmt. Auf der Haben-Seite finden sich Maite Beaumont in der Titelrolle, Katerina Tretyakova als dessen Sohn Cunibert sowie Ann-Beth Solvang (Flavia), die mit ihren anspruchsvollen Koloraturen bestens zurecht kommt. Fazit: Trotz aller Einschränkungen wird dieses wunderbar abwechslungsreiche Werk gut genug dargeboten, um seine Schönheiten genießen zu können.

Michael Blümke, 04.08.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.