Duende

Avishai Cohen


Blue Note/EMI 5099962415729
(34 Min., 2 & 3/2012)

Avishai Cohen gehört zu den international herausragenden Kontrabassisten. Für seinen Mentor Chick Corea ist er ein Musikgenie. Bisher ist der 42-jährige Israeli vor allem in polyglotten Combo-Besetzungen in Erscheinung getreten. Doch seine Entdeckung des 24-jährigen Pianisten Nitai Hershkovits in einem Tel Aviver Café hat ihn zu einer Duo-Aufnahme veranlasst. Cohen wollte die subtile Freundschaft, die beide verbindet, in diesem intimen Format klar am Standard-Jazz orientiert dokumentieren. Schon die ersten Töne des ersten Stückes, Cohens Signature, ziehen einen in ihren Bann: Ein beschwingt tänzelndes Klaviermotiv ist eine hingewandte, ermunternde Frage. Der alsbald einsetzende gestrichene Bass schafft ruhig Vertrauen für den folgenden Gedankenaustausch. Nunmehr kann der Bass immer wieder auch pizzicato oder coll’arco kontrapunktisch zum virtuosen freundschaftlichen Klingenkreuzen ansetzen. Äußerst aufgeräumt und hochintelligent ist auch das Arrangement des folgenden Thelonious-Monk-Klassikers Criss Cross. Auch hier erweist sich Cohen als souveräner Streicher. Beide Partner erschließen augenzwinkernd und kräftig swingend dem Material ungeahnte Bezüge zu anderem Standard-Repertoire. Überhaupt entwickelt das Duo 32 Minuten lang ein überraschend sich entwickelndes, berührendes und intellektuell vergnügliches Programm. Und wenn es dann der Bassist allein als Pianist mit einer zweiminütigen Themenexposition einer eigenen, bewegenden Ballade beschließt, ist klar: Hier und zuvor zählte jeder einzelne Ton, und man verzeiht die Kürze der Einspielung, denn selten hat man Kontrabass und Klavier so kongenial miteinander interagieren gehört.

Thomas Fitterling, 04.08.2012


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.