Ron Carter’s Great Big Band

Ron Carter’s Great Big Band


Sunnyside/Indigo 967772
(53 Min., 6/2010)

Was soll einer wie Ron Carter noch an Neuem bieten? Auf rund 2500 Platten hat der Bassist mitgespielt – aber das Vergnügen, mit einer eigenen Bigband ins Studio zu gehen, hat er sich bis ins stolze Alter von 73 Jahren aufgespart. Zwei Jahre später, in Carters 75. Lebensjahr, wurde sie (endlich) veröffentlicht: eine grundsolide Scheibe mit 13 Titeln, mit viel Understatement von Robert M. Friedman arrangiert, vordergründig unspektakulär, in den Tutti aber überlegt und differenziert. Zwei eigene Themen wählte er aus: das bedächtige „Opus 1.5 (Theme For C.B.)“, in dem Charles Pillos mit dem English Horn, Tony Kadleck mit dem Flügelhorn und Carter selbst im Vordergrund stehen, sowie das zupackende „Loose Change“ mit Soli des Sopransaxofonisten Jerry Dodgion und des Posaunisten Steve Davis.
Ansonsten legte Friedman swingende Mainstream-Arrangements von Duke Ellingtons „Caravan“, Dizzy Gillespies „Con Alma“, Nat Adderleys „Sweet Emma“, W.C. Handys „Saint Louis Blues“ und anderen Klassikern auf die Pulte. Dabei scheute er nicht davor zurück, das „Line For Lyons“, in den 1950ern ein Paradestück für den sogenannten „Cool Jazz“, sowie Wayne Shorters einst aufwühlend avantgardistische „Footprints“ ins lustvoll swingende Genre zu verlagern. Sein eigener Kontrabass ist in allen dreizehn Titeln etwas weiter nach vorn gemischt, als dies in herkömmlichen Bigband-Aufnahmen der Fall ist. Sich an dieses Klangpanorama zu gewöhnen, dauert eine gewisse Zeit. Die Qualität der Arrangements und die konzentrierte Atmosphäre sind dies wert.

Werner Stiefele, 04.08.2012


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