Diverse

Jeanne D´Arc ‒ Batailles & Prisons

Montserrat Figueras, Kai Wessel, Louise Moaty u.a., Jordi Savall, Hespèrion XXI, La Capella Reial de Catalunya


Alia Vox/harmonia mundi AVSA 9891
(135 Min., 9/1993 & 12/2011) 2 CDs, SACDs

Ganz im Sinne Elias Canettis, für den „die Musik die wahre lebende Geschichte der Menschheit“ war, hat Jordi Savall gerade mit seinen dickleibigen CD-Büchern jahrhundertealte Epochen und Kulturen bereist. Dann widmete er sich mit einem Team aus Musikern und Historikern etwa den musikalischen Schnittstellen zwischen Orient und Okzident oder der legendären Borgia-Dynastie. Bei seinem neuesten Blick in die klingenden Geschichtsbücher hat sich der Alte Musik-Marco Polo Savall aber nun ausschließlich auf die zeitliche Spanne von gerade mal 44 Jahren konzentriert, in denen mit Jeanne D´Arc einer der vielen französischen Nationalmythen geboren wurde. Von der Geburt der Tochter eines lothringischen Dorfbürgermeisters vor genau 600 Jahren bis zum postumen Rehabilitierungsprozess im Jahr 1456 erzählt Savall den Weg dieser gottesfürchtigen Freiheitskämpferin, mit der er sich seit 1993 beschäftigt. So sind in dieses Porträt auch jene Aufnahmen eingeflossen, die Savall als Soundtrack für den Film „Jeanne la Pucelle. Batailles et Prisons“ von Jacques Rivette beigesteuert hatte.
An den gleichnamigen Filmtitel angelehnt ist nun die Doppel-CD „Schlachten und Gefängnisse“, die sich allein von ihrer exquisiten Aufmachung her nahtlos in die bisherigen Savall-Editionen einreiht. Knapp 500 Seiten umfasst das mehrsprachige Begleitbuch, in dem neben Essays und historischen Abbildungen selbstverständlich das anhand von alten Textquellen und Dokumenten kompilierte Heldinnenepos nicht fehlen darf. Zwischen die Dialoge und Erzählstimmen hat Savall aber nicht einfach Musikstücke aus dem 15. Jahrhundert eingeflochten, die von Volksliedern und Kriegstrommeln bis zu geistlichen Gesängen von Guillaume Dufay und Schlachtenfanfaren reichen. Mit seinem eingespielten Musiker-Clan (u.a. Hespèrion XXI) versetzt Savall so Jeanne D´Arcs Lebensstationen in einem machtpolitisch zerrissenen Land authentisch in geradezu abenteuerliche Schwingungen.

Guido Fischer, 11.08.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.