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Ludwig van Beethoven, Sergei Rachmaninow, Frédéric Chopin, Franz Liszt, Alexander Skrjabin

Live At The Royal Albert Hall

Valentina Lisitsa

Decca/Universal 478 4572
(70 Min., 6/2012)

Die in Kiew geborene und in Amerika lebende Pianistin Valentina Lisitsa hat den Grundstein ihrer Karriere mit Hilfe des Internets gelegt: Ganz langsam floss ihr Name ins Bewusstsein jener Klassik-Interessenten ein, die gewohnheitsmäßig bei „youtube“ nach spannenden Aufnahmen suchten. Im Falle des Autors dieser Zeilen war es ihre Version der höllisch schweren „Islamey“ von Balakirew, die noch deutlich schneller begann als die ohnehin schon umwerfende Einspielung Boris Beresowskis und sich dabei als technisch höchst brillant erwies.
Lisitsa hat es nun tatsächlich geschafft, wohl ganz ohne teure PR-Kampagne und ohne das Protektorat einflussreicher Agenten oder Funktionäre: Sie hat sich über das Internet ein Publikum erspielt, das nun auch nach „Lisitsa live“ verlangt. Kein Wunder, dass ihr Programm für die Londoner Royal Albert Hall, so erfährt man im Beiheft dieser CD, auch vom Publikum mitbestimmt wurde: Die Konzertbesucher hatten im Vorfeld Gelegenheit, übers Internet zu votieren. Freilich kommt auf diese Weise kein inhaltlich schlüssiges und durchdachtes Programm zustande – der Wunschkonzert-Charakter lässt sich auch mittels geschickter Gruppierung kaum verbergen. Aber sei’s drum. Lisitsa lieferte einerseits die Internet-Hits, mit denen sie die Herzen ihrer Fans längst erobert hat, Rachmaninws „Rotkäppchen-und-der-böse-Wolf“-Etüde vor allem, die sie auch in London mit der gewohnten Brillanz aufs Parkett legte. Gleiches gilt für vier „Préludes“ von Rachmaninow, die ins Programm eingestreut sind: Vor allem durch konsequent oberstimmiges Spiel mit ausgeprägten gesanglichen Qualitäten bringt sie diese Stücke überzeugend zur Geltung.
In Chopins „Nocturne“ in Es-Dur (op. 9, 2) und im ersten Satz von Beethovens „Mondscheinsonate“ zeigt sich indes, dass die expressive Gestaltung der Oberstimme allein mitunter nur die halbe Miete ist: Bei Chopin stört etwa die Unterbelichtung der Bass-Lage und die Einförmigkeit des Aufeinanderfolgens der Mittelstimmen-Akkorde. Auch irritiert, dass Lisitsa die Chopin-typischen Varianten der melodischen Grundidee massiv durch selbsterfundene Variationen bis hin zum Terzenlauf aufpeppt: Freilich, man könnte das im Sinne der „Composer-Pianists“-Tradition des 19. Jahrhunderts durchaus für legitim erachten, wenn nur das Ergebnis nicht stellenweise etwas ruckelig und unorganisch ausfiele. Beethovens „Elise“ offenbart in Lisitsas offenbar bewusst schlicht gehaltener Version erst beim zweiten Hören seinen eigentlichen Reiz: Die konsequente Oberstimmigkeit, die andernorts zur Eindimensionalität tendiert, würde der Autor hier vorsichtig als Gewinn für das Stück verbuchen.
Alles in allem zeigt sich nun, wo Lisitsa sich wirklich eins zu eins der Öffentlichkeit und dem „Markt“ stellen muss, dass sie in diversen Repertoirebereichen stilistisch-interpretatorisch deutlichen Nachholbedarf hat. Man darf gespannt sein, wie sie diese Herausforderung meistern wird.

Michael Wersin, 11.08.2012



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