Besaxung

Hotzenwald


Berthold/harmonia mundi BTH 4730003
(52 Min., 9/2010)

Wer sich den bescheuert-genialen Bandnamen „Besaxung“ zulegt und dann noch sein erstes Album „Hotzenwald“ nennt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Beispielsweise mit dem im deutschen Jazz geradezu vernichtenden Urteil, Humor zu haben oder total kindisch zu sein.
Aber weit gefehlt. Abgesehen von der After-Hours-Blues-Persiflage „Ich hab’s mal versucht“ verzichtet das junge Quartett auf dick aufgetragenen Kabarettjazz. Mit subtiler Rotzigkeit dekonstruieren die vier Hessen vielmehr die Klischees des Postbop. Mal legen sie unerwartet lang Pausen ein, mal geben sie sich bewusst vierteltönig verstimmt.
Sinnbildlich für die aus dem Punk entlehnte Haltung des Quartetts steht das Spiel des Altsaxofonisten Philipp Gerschlauer. Er krakeelt, überbläst und prescht gnadenlos voran, zeigt aber bei allem Übermut eine große Instrumentalkultur.
In diesem Rahmen bewegt sich auch die Musik der Formation. Während sich bei „Shadow Dance“ Saxofon und gestrichener Bass gegenseitig zu einer migränehaften Klimax treiben und in „Hotzenwald“ knarziges Geräuscheln eine thrillerhafte Stimmung erzeugt, erinnert „Confused in Spring“ an ein kammermusikalisches Kunstlied – ein Eindruck, der durch die respektvolle Version von Franz Schuberts „Leiermann“ noch verstärkt wird.
So direkt ist das und so frisch, dass man zu dem Schluss kommen muss: Im deutschen Jazz wächst mit Gerschlauer, Pianist Felix Roßkopf, Bassist Oliver Lutz und Schlagzeuger Thomas Sauerborn eine neue starke Besaxungs-Macht heran.

Josef Engels, 18.08.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."