Im Vorfeld dieser Neuerscheinung hat die Deutsche Grammophon zwei Ankündigungen veröffentlicht. Über die erste – dass man mit Yannick Nézet-Séguin am Pult alle sieben großen Mozart-Opern einspielen möchte – freut man sich nach dem Genuss dieser Aufnahme. Die zweite – Rolando Villazón soll dabei stets mit von der (Tenor-)Partie sein – kann man nur mit heftigem Kopfschütteln quittieren. Der Mexikaner ist der einzige wirkliche Schwachpunkt dieses hochkarätigen Ensembles, er hat für Don Ottavio genau eine Farbe und einen Ausdruck. Die Stimme ist mittlerweile völlig matt und glanzlos, tut den Ohren aber zumindest keine Gewalt an, weshalb es in der Bewertung trotzdem noch zu fünf Punkten reicht.
Ansonsten ist dieser "Don Giovanni" eine rundum erfreuliche Angelegenheit: die richtigen Sänger für die richtigen Partien, alle mit Lust und Leidenschaft bei der Sache – die Rezitative lebendig, die Arien saftig. Ildebrando D'Arcangelo liefert einen kernig-virilen Titelhelden, der sich klanglich gut von seinem heller timbrierten Diener Leporello (Luca Pisaroni) absetzt. Und bei den Damen kommt man aus dem Jubeln ohnehin nicht mehr heraus. Diana Damrau bringt für die Donna Anna diese hinreißende Mischung aus virtuoser Trittfestigkeit und dramatischem Biss mit, der auch schon ihre Konstanze zum Erlebnis werden ließ. Als Elvira gelingt Joyce DiDonato mit der ihr eigenen Hingabe (und ihrer Ausnahmestimme natürlich) ein weiteres Rollenporträt der Extraklasse. Und mit der Zerlina von Mojca Erdmann bekommen die Vokalwonnen auch noch ein Sahnehäubchen.

Michael Blümke, 18.08.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Wie ein Zündhölzchen wirkt, was 1712 der Hamburger Ratsherr und Kaufmannssohn Barthold Heinrich Brockes in Form seiner geistlichen Passionsdichtung in das kreative Pulverfass der Hamburger Gänsemarktoper wirft. "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS", später nur noch griffiger "Brockes-Passion" genannt, trifft den Nerv der Zeit. Die Mischung aus drastischer Passionsschilderung (die den nüchternen Bibelbericht publikumswirksam mit gruseligen Details anreichert) und Arientexten (die das Geschehen theologisch sattelfest in Allegorien aufschlüsseln und leidenschaftlich Stellung zu den Vorgängen beziehen) wirkt wie eine Steilvorlage für die Musiker, die sich um Reinhard Keiser an der ersten deutschen Bürgeroper versammelt haben. Johann Mattheson macht daraus einen Kompositionswettbewerb und fordert auch Georg Philipp Telemann in Frankfurt und Georg Friedrich Händel in London auf, sich mit einem Oratorium auf Brockes' Text zu beteiligen und sich mit Keisers Version von 1712 zu messen. Auch Johann Sebastian Bach, der in Leipzig nicht nur geografisch, sondern auch theologisch sehr weit vom liberalen Hamburg entfernt lebte, bediente sich in seiner Johannes-Passion kräftig an den zündenden Sprachbildern des Hamburger Senators. Peter van Heyghen und seinem Ensemble Les Muffatti ist nun mit Reinhard Keisers Werk, sozusagen der Mutter aller Brockes-Passionen, eine interpretatorisch souveräne Aufnahme gelungen, die den Hörer anspringt und mit ihrem leidenschaftlichen Musizieren ins Geschehen zieht. Der Vergleich mit den späteren Versionen zeigt, welche starke Ausstrahlung der Bühnenmensch Keiser bis in Details der Melodiefindung und der Affektgestaltung auf den Stil der jungen Komponisten hatte, allen voran Georg Friedrich Händels.