Wie beurteilt man eine Einspielung der H-Moll-Messe von 1959, die unseren heutigen Hörgewohnheiten in vielen Punkten de facto nicht mehr entspricht? Eine Grundsatzdiskussion lässt sich an dieser Stelle kaum führen, und die Dispute erfahrener Fachleute haben in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten gezeigt, dass endgültige Wahrheiten zum Thema Aufführungspraxis nicht einmal unter den Anhängern der historisierenden Praxis gefunden werden können.
Wir haben Bachs Notentext, der, lapidar gesagt, vor allem in puncto Tonhöhen und Verhältnis der Tonlängen zueinander wenigstens einigermaßen genaue Aussagen macht – aber selbst da wird es bei genauerer Betrachtung schon schwierig: Welche Stimmung wurde verwendet? Wie ist das Verhältnis von Triolen und Punktierungen im „Sanctus“? Wir haben selbstverständlich Bachs musikalisch-theologische Aussagen auf Basis des vertonten Messtextes, die wir heute ein großes Stück weit verstehen und nachvollziehen können – aber mit welcher Ästhetik setzen wir sie interpretatorisch um? Dass die „Alten“ (so auch Scherchen) eine mehr pathosgeladene Vorstellung hatten als heutige Interpreten mit ihrem vibratofreien Ansatz und ihren raschen Tempi, ist sicher. Aber ob das eine oder das andere „richtiger“ ist, können wir vom Inhalt her auch nicht entscheiden.
Halten wir uns also an die Fakten: Scherchens Tempi sind teilweise unvorstellbar langsam (z. B. beim „Kyrie I“, „Kyrie II“ oder „Qui tollis“), teilweise auch überraschend flüssig („Et in Spiritum Sanctum“). Scherchens Aufführungsapparat, der freilich viel größer ist als in der Regel unsere heutigen, musiziert in vieler Hinsicht ungenau nach objektiven Maßstäben: Erstaunlich oft sind verschiedene Ebenen des Satzes nicht zusammen, erstaunlich oft wird quälend zu tief gesungen. Besonders schlimm ist in diesem Punkt der Wagner-Bariton Gustav Neidlinger, der die „Quoniam“-Arie zudem mit hässlichen Portamenti verunstaltet. Pierette Alarie und Nan Merriman erfreuen hingegen weitgehend mit ihren hell timbrierten, schönen und geschmeidigen Stimmen. Léopold Simoneau ist zweifellos der Star der Solistenbesetzung: Sein Gesang scheint ebenso zeitlos schön wie derjenige eines Fritz Wunderlich. Und so gibt es in dieser h-Moll-Messe angenehm anzuhörende wie eher unangenehme Abschnitte, und das Unangenehme ist (Intonation, Zusammenspiel) oft objektiv unangenehm. Aber mit anderen als unseren heutigen Ohren können wir diese Aufnahme nicht hören, und vor diesem Hintergrund werden die meisten sie als antiquiert empfinden. Aber: Sie ist ohne Zweifel ein Tondokument von hohem Wert.

Michael Wersin, 25.08.2012


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.