Szobel

Hermann Szobel


Laser‘s Edge/Alive 3210642
(37 Min., 10/1975)

Er war jung, talentiert und hat nur ein Album veröffentlicht, das zu den besten Fusion-Scheiben der Mittsiebziger zählt – und trotzdem nur ein Geheimtipp blieb. Hermann Szobel, damals 18, Pianist, Neffe des Rock-Impresarios Bill Graham, mit einem – so Zeitzeugenberichte – etwas übergroßen Ego ausgestattet, verschwand nach der Veröffentlichung seines Debüt-Albums 1976 auf dem Poplabel Arista Records, mehreren Konzerten und einer abgebrochenen Session für das Nachfolgealbum von der Szene.
Ein Verlust, denn die siebenunddreißig Minuten von „Szobel“ strotzen vor musikalischen Überraschungen, Witz und Energie und lassen schon die in die 1990er vorgreifende De- und Rekonstruktion der von den Bands Weather Report, Return To Forever, Mahavishnu Orchestra, Billy Cobhams Spectrum und Larry Coryells Eleventh House gerade erst entwickelten Fusion-Klischees ahnen. Offenbart der erste Titel, „Mr. Softee“, in Unisonopassagen des Vibrafonisten Dave Samuels und des Schlagzeugers Bob Goldman, so lässt er in den weiteren derart eindeutige Bezüge hinter sich. Für „The Szuite“ gibt er am Flügel ein rasantes Motiv vor, setzt diesem eine magische Bassfigur von Michael Visceglia sowie wabernde Vibrafonklänge entgegen: das Ausgangsmaterial für virtuose Sequenzen, die Vadim Vyadro mit oft überblasenen Saxofonimprovisationen anraut – sein Ton erinnert ein wenig an den von Gato Barbieri. Vertrackt und vielschichtig fällt auch „Between 7 & 11“ aus, und „Transcendental Floss“ ist ein rhythmisch komplexer Parforceritt, und „New York City, 6 AM“ driftet aus psychedelischen Anfängen über ein kräftiges Bassmotiv in eine prä-minimalistische Meditationsschleife. Der Bassist dieser Ausnahmeproduktion hatte sich einst von Hermann Szobel im Streit getrennt. Nun macht er sich zu dessen Nachlassverwalter, bringt das in den Archiven vergessene Material wieder heraus und sucht nach weiteren verschollenen Szobel-Aufnahmen. Hoffentlich wird er fündig.

Werner Stiefele, 08.09.2012


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