Johann Sebastian Bach

Kantaten Teil 51: BWV 120a, 157, 192 & 195

Hana Blažiková, Damien Guillon, Christoph Genz, Peter Kooij, Masaaki Suzuki, Bach Collegium Japan


Bis/Klassik Center BISSACD-1961
(74 Min., 6/2011) SACD

Einige besonders interessante Kantaten hat Masaaki Suzuki für diese Folge seiner Gesamtaufnahme zusammengestellt: BWV 192 „Nun danket alle Gott“ z. B., eine dreisätzige Gottesdienstmusik, deren Eingangschor die erste Strophe des gleichnamigen Liedes im Stile der großen „Choralconcerti“ des zweiten Leipziger Jahrgangs innerhalb eines selbstständigen Instrumental-Concertos exponiert. Oder die späte Trauungskantate BWV 195 „Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen“, deren prachtvoller Eingangschor vermutlich die Parodie eines verschollenen Satzes ist. Den Eingangschor der Trauungskantate BWV 120a „Herr Gott, Beherrscher aller Dinge“ dagegen kennt man aus der h-Moll-Messe: Er floss aus Kantate BWV 120, die wiederum das Vorbild für BWV 120a war, in das Credo der katholischen Messe ein.
In puncto Sängerbesetzung bleibt Suzuki „up to date“, teilweise zumindest: Mit Hana Blažiková und Damien Guillon hat er zwei Nachwuchskräfte gewonnen, die sich derzeit auch anderswo in der Alte-Musik-Welt hervorragend bewähren. Christoph Genz ist in Sachen Bachkantate kein ganz neuer mehr: Er gehört u.a. zu den Hauptprotagonisten von Sigiswald Kuijkens Kantaten-Produktion. Hier wie dort klingt er in der Höhe ein wenig spitz. Der jugendfrische Obertonreichtum der jungen Solistenstimmen drängt, zumal in Duetten, die nicht mehr ganz so präsente Stimme des Bassisten Peter Kooij deutlich in den Hintergrund. Im chorischen Bereich bewährt sich einmal mehr die (historisch korrekte) Praxis, die Solisten an die Spitze des Tutti (bestehend aus insgesamt 16 Leuten) zu stellen. Und im Orchesterklang stören allenfalls ein paar unsaubere Trompetentöne. Viel Licht also, und auch ein wenig Schatten: soweit eine ganz „normale“ Folge der Bach-Serie. Freilich: Gute Bachkantaten-Einspielungen gibt es heutzutage schon in großer Zahl, weshalb das Ohr wählerischer wird.

Michael Wersin, 15.09.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Wie ein Zündhölzchen wirkt, was 1712 der Hamburger Ratsherr und Kaufmannssohn Barthold Heinrich Brockes in Form seiner geistlichen Passionsdichtung in das kreative Pulverfass der Hamburger Gänsemarktoper wirft. "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS", später nur noch griffiger "Brockes-Passion" genannt, trifft den Nerv der Zeit. Die Mischung aus drastischer Passionsschilderung (die den nüchternen Bibelbericht publikumswirksam mit gruseligen Details anreichert) und Arientexten (die das Geschehen theologisch sattelfest in Allegorien aufschlüsseln und leidenschaftlich Stellung zu den Vorgängen beziehen) wirkt wie eine Steilvorlage für die Musiker, die sich um Reinhard Keiser an der ersten deutschen Bürgeroper versammelt haben. Johann Mattheson macht daraus einen Kompositionswettbewerb und fordert auch Georg Philipp Telemann in Frankfurt und Georg Friedrich Händel in London auf, sich mit einem Oratorium auf Brockes' Text zu beteiligen und sich mit Keisers Version von 1712 zu messen. Auch Johann Sebastian Bach, der in Leipzig nicht nur geografisch, sondern auch theologisch sehr weit vom liberalen Hamburg entfernt lebte, bediente sich in seiner Johannes-Passion kräftig an den zündenden Sprachbildern des Hamburger Senators. Peter van Heyghen und seinem Ensemble Les Muffatti ist nun mit Reinhard Keisers Werk, sozusagen der Mutter aller Brockes-Passionen, eine interpretatorisch souveräne Aufnahme gelungen, die den Hörer anspringt und mit ihrem leidenschaftlichen Musizieren ins Geschehen zieht. Der Vergleich mit den späteren Versionen zeigt, welche starke Ausstrahlung der Bühnenmensch Keiser bis in Details der Melodiefindung und der Affektgestaltung auf den Stil der jungen Komponisten hatte, allen voran Georg Friedrich Händels.