Fausto Romitelli, Malin Bång, Oscar Bianchi, Dominik Karski, Mattias Petersson

Crepuscolo – Werke für die Paetzold Kontrabassblockflöte

Anna Petrini


dB/Klassik Center Kassel dBCD143
(56 Min., 4, 8 & 11/2011)

Liebe Eltern – lasst Eure Kinder Kontrabassblockflöte lernen! Denn egal was man mit ihr anstellt – ein unfreiwilliges Trommelfellpiercing wie bei ihren kleinen schrillen Verwandten wird hier niemand davontragen. Ob man der spielerischen Annäherung von Anna Petrini und fünf zeitgenössischer Komponisten an die Ikea-Flöte (so nennt man scherzhaft die von Joachim Paetzold erfundene viereckige Version des Instruments) auch künstlerischen Wert beimessen will, hängt von einer grundsätzlichen Offenheit für Geräuschmusik ab. Bringt man wie die Interpretin diese Offenheit mit, wird man die Fähigkeit der Kontrabassflöte zu naturnahen aber nicht naturidentischen Lauten schätzen lernen: In Oscar Bianchis titelgebendem Werk „Crepuscolo“ nähern sich die Klappengeräusche sogar Urwaldtrommeln, während die Anblaslaute an Windbewegungen oder Blätterrascheln und die Hervorbringungen der Flatterzunge an das Geräusch aufsteigender exotischer Vogelschwärme erinnern. Dennoch wird die Schwelle vom Abstrakten zum platt Lautmalerischen nie überschritten. Ohne elektronische Effekte geht es dabei allerdings selten ab ‒ weswegen Dominik Karskis „Superb Imposition“, das als einziges Stück mutig auf Verstärkung, Mikrofone im Instrumenteninneren, live-Rückkopplungen und sonstige Elektronik verzichtet, auf die Dauer dann doch etwas fade wirkt. Aber auch den meisten anderen Kompositionen geht nach einigen Minuten formal die Puste aus. Einzig Mattias Peterssons „Sinew0od“, das den Grenzbereich zwischen elektronischem und natürlichem Klang zum Thema macht, kann die gesammelten Klangmöglichkeiten in einer Art und Weise ordnen, die auch strukturell anspricht.

Carsten Niemann, 29.09.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Der Wahnsinn: Um 1900 war das musikalische Paris ganz versessen auf russische Kunst. Diese machte in den Augen der überfeinerten und in ihrer Etikette streng reglementierten Gesellschaft eine Gegenwelt erlebbar und trug rauhe Ursprünglichkeit, Exotik und kaum verholene Erotik in die Salons und Konzertsäle. Ein Denkmal als Kunst-Unternehmer setzte sich Sergej Diaghilew, der den Bedarf erkannte und für den gewinnbringenden Kulturtransfer sorgte. Kam Peter Tschaikowski schon zu Beginn eine Mittlerfunktion zu, weil er russische Seele mit akademischer Ausbildung verband, galt der Autodidakt Modest Mussorgski selbst seinen Freunden als zu harte Kost. Doch ohne die stampfende Kraft des polnischen Ochsenkarrens oder den furiosen Hexenritt der […] mehr »