Sie sind einfach nicht totzukriegen, diese „Carmina burana“ von Carl Orff, die jene vielleicht nur in Bayern mögliche fruchtbare Kombination aus traditionsverhaftetem Bildungsbürgertum humanistischer Prägung einerseits und herzhaft grober, elementarer Bodenständigkeit andererseits widerspiegeln. Auch Carl Orff war eben genau so einer: als Kind fasziniert von den Karmetten in St. Michael mit Musik von Orlando di Lasso, später dann ein misstrauischer Kirchenskeptiker, dennoch hochbegeistert von klösterlicher Kultur und lateinischer Sprache. Wie grausam heidnisch ist das erbarmungslos sich drehende Glücksrad, das am Beginn und am Ende seiner „Carmina“ besungen wird! Und wie sehr entspricht der besoffen kantillierende Abt (“Ego sum abbas!“) der landläufigen Vorstellung von fettwanstigen, gottvergessenen Mönchen in süddeutschen Klöstern.
Kristjan Järvis Neueinspielung der „Carmina“ mit den Ensembles des MDR ist, äußerlich betrachtet, gut gelungen: Das Orchester spielt präzis und engagiert, der Chor artikuliert vortrefflich und lässt es an Leidenschaftlichkeit nicht fehlen, die Kinder singen sehr sauber. Der junge Österreicher Daniel Schmutzhard widmet sich beachtlich standfest der schwierigen Baritonpartie, Kiera Duffy hat die nötige soubrettenhafte Silbrigkeit für die Sopran-Nummern, Marco Panuccio lässt sich als Schwan in der Bratpfanne in puncto Stimmentfaltung wahrlich nicht lumpen.
Aber dennoch – der Rezensent hält die 1973 in München entstandene Einspielung Kurt Eichhorns (RCA) weiterhin für unübertroffen: Gegen die Herren des Bayerischen Rundfunks, die als Saufbrüder in der Kneipe so wunderbar polterig und zischelnd deklamieren oder – in Auswahl – mit „Si puer cum puellula“ ein unübertrefflich komisches und gerade deshalb so mitreißendes Ständchen geben, klingen die MDR-Herren steril. Weit mehr als Schmutzhard wagt sich auch der Wahlbayer Hermann Prey aus der Deckung, nicht nur als haltlos betrunkener, raustimmiger Abt, sondern auch „In dies nox et omnia“ mit seiner eindeutigen Entscheidung für ein leuchtendes Kopfregister. John van Kesteren (ein waschechter „Haute contre“ in vor-historisierender Zeit!) als verzweifelt bratender Schwan schlägt Panuccio mühelos, und Lucia Popp bringt doch wesentlich mehr „Fleisch“ über die Rampe als Frau Duffy. Mitreißend fleischlich ist auch der gesamte Chorklang in der BR-Produktion: An die jubelnden Soprane schon im Eingangschor kommen die MDR-Damen nicht heran. Wer jene alte mit dieser neuen Einspielung vergleicht, der muss, gemeinsam mit dem Autor (selbst nur Wahlbayer) ausrufen: die „Carmina“ den Bayern!

Michael Wersin, 06.10.2012


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.