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Richard Strauss

Glenn Gould ‒ Die Schwarzkopf-Bänder

Glenn Gould, Elisabeth Schwarzkopf, Vladimir Golschmann, Toronto Symphony Orchestra u.a.

Sony 88725 46236 2
(135 Min., 1955, 1966, 1967, 2012) 2 CDs

Am 14. Januar 1966 befand sich New York, unter einer Schneedecke, fest im Griff von Minus-Temperaturen. Doch als Elisabeth Schwarzkopf die Columbia-Studios betrat, um mit Glenn Gould Lieder von Richard Strauss aufzunehmen, war es nicht etwa nur mollig warm, es muss eine Bullenhitze geherrscht haben. Der dauerfröstelnde Kanadier Gould hatte die Thermostate aufdrehen lassen – und daran sollte sich zum Leidwesen der Stimmbänder der Schwarzkopf nichts ändern. So hört man die Sopranistin immer wieder mal kräftig durchkeuchen, mit den Worten „I´m full of Schleim!“
Solche und ähnliche Randbedingungen waren es, die aus dem ersten Aufeinandertreffen zwischen diesen beiden Jahrhundertmusikern auch das letzte werden ließen. Dass es bei den Strauss-Sessions zu Spannungen gekommen sein muss, wusste man zwar bereits aus der Gould-Biografie von Michael Stegemann. Nun aber hat der umtriebige Gould-Experte dieses Kapitel für ein packendes, schon jetzt preisverdächtiges Hörspiel rekonstruieren können. Stegemann hat sämtliche Bänder ausgegraben, die 1966 bei den Aufnahmen mitliefen und alles festhielten, was Gould und Schwarzkopf in Wort und Ton von sich gaben. Und so wird man in seiner Doku-Collage „Chronik einer unglücklichen Liebe“ zum Ohrenzeugen eines menschlichen und künstlerischen Missverständnisses.
Dieser Meinung war später auch Elisabeth Schwarzkopf, die sich in den eingespielten (teils originalen, teils von der Schauspielerin Nicole Heesters nachgesprochenen) Interview-Ausschnitten über Goulds Marotten ausließ. Dazu gehörte nicht nur Goulds Weigerung, sich die Aufnahmen noch mal im Kontrollraum anzuhören. Gerade seine eigenwilligen Tempo-Variationen brachten die auf Werktreue setzende Sängerin schlicht zur Weißglut. Die auf drei Tage angesetzte Produktion war daher bereits nach zwei Tagen beendet. Das Resultat umfasst jedoch mehr als nur die bislang bekannten Aufnahmen der „Ophelia-Lieder“ op. 57. Auf der Doppel-CD „Die Schwarzkopf-Bänder“ sind erstmals auch drei weitere Lieder zu hören, darunter das bekannte, von Gould aber als langweilig empfundene „Morgen“ op. 27 Nr. 4. Wie exzentrisch Gould als Strauss-Begleiter werden konnte, hatte Schwarzkopf nicht einmal im Ansatz zu spüren bekommen. Rund zehn Jahre zuvor sang und spielte er mit sich selbst herrlich beschwingt bizarr um die Wette – in einer wiederentdeckten Privataufnahme der Klavierfassung von Strauss´ „Burleske“.

Guido Fischer, 06.10.2012



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