Die letzte Gesamtaufnahme des "Rosenkavalier" (Haitink) ist über 20 Jahre alt und gehört zu den Tiefpunkten der Werk-Diskografie. Da ist eine neue Produktion hochwillkommen, auch wenn es sich um die überarbeitete Tonspur eines DVD-Mitschnitts handelt und sie sich deshalb klanglich nicht optimal präsentiert. Dieser Januar-Abend 2009 gehörte ohne Zweifel vor allem dem Dirigenten und seinem Orchester. Christian Thielemann geht die Partitur herrlich entspannt an, lässt die Musik blühen und schwingen – und auch die Süffigkeit nicht zu kurz kommen. Er nimmt sich Zeit, die Schönheiten auszumusizieren, verhilft dem Konversationscharakter zu seinem Recht.
Bei den Sängern weckt sicher Renée Flemings Marschallin die größte Aufmerksamkeit. Auch wenn sie gelegentlich überakzentuiert und dann affektiert wirkt, gestaltet sie in ihren beiden Monologen tief empfundene Passagen und verströmt ihren edlen Sopran in verschwenderischem Wohlklang. Als Octavian hätte man sich an Flemings Seite natürlich ihre Lieblingskollegin Susan Graham gewünscht, doch hat es leider nur zu Sophie Koch gereicht. Die Französin liefert zwar eine stimmlich weitgehend untadelige Leistung (mit leichter Tendenz zum Gaumigen) ab, doch schafft sie keine Identifikationsfigur: Für diesen persönlichkeitsarmen Jüngling entwickelt man als Hörer wenig Interesse. Das ist bei der liebreizenden Diana Damrau ganz anders, die mit Ende 30 das junge Mädchen Sophie absolut glaubhaft vermittelt. Leicht wie ein Vögelchen steigt sie in die Höhe, hält ihre Stimme trotz mittlerweile auch etwas dramatischeren Rollen duftig und locker. Franz Hawlata überzeugt zwar als Figur, sein in der oberen Lage stets angespannter, wenngleich resonanzstarker Ochs tut sich aber hauptsächlich durch unstete Tongebung hervor.

Michael Blümke, 06.10.2012


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