Die letzte Gesamtaufnahme des "Rosenkavalier" (Haitink) ist über 20 Jahre alt und gehört zu den Tiefpunkten der Werk-Diskografie. Da ist eine neue Produktion hochwillkommen, auch wenn es sich um die überarbeitete Tonspur eines DVD-Mitschnitts handelt und sie sich deshalb klanglich nicht optimal präsentiert. Dieser Januar-Abend 2009 gehörte ohne Zweifel vor allem dem Dirigenten und seinem Orchester. Christian Thielemann geht die Partitur herrlich entspannt an, lässt die Musik blühen und schwingen – und auch die Süffigkeit nicht zu kurz kommen. Er nimmt sich Zeit, die Schönheiten auszumusizieren, verhilft dem Konversationscharakter zu seinem Recht.
Bei den Sängern weckt sicher Renée Flemings Marschallin die größte Aufmerksamkeit. Auch wenn sie gelegentlich überakzentuiert und dann affektiert wirkt, gestaltet sie in ihren beiden Monologen tief empfundene Passagen und verströmt ihren edlen Sopran in verschwenderischem Wohlklang. Als Octavian hätte man sich an Flemings Seite natürlich ihre Lieblingskollegin Susan Graham gewünscht, doch hat es leider nur zu Sophie Koch gereicht. Die Französin liefert zwar eine stimmlich weitgehend untadelige Leistung (mit leichter Tendenz zum Gaumigen) ab, doch schafft sie keine Identifikationsfigur: Für diesen persönlichkeitsarmen Jüngling entwickelt man als Hörer wenig Interesse. Das ist bei der liebreizenden Diana Damrau ganz anders, die mit Ende 30 das junge Mädchen Sophie absolut glaubhaft vermittelt. Leicht wie ein Vögelchen steigt sie in die Höhe, hält ihre Stimme trotz mittlerweile auch etwas dramatischeren Rollen duftig und locker. Franz Hawlata überzeugt zwar als Figur, sein in der oberen Lage stets angespannter, wenngleich resonanzstarker Ochs tut sich aber hauptsächlich durch unstete Tongebung hervor.

Michael Blümke, 06.10.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.