Felix Mendelssohn Bartholdy

Konzert für Klavier und Orchester g-Moll op. 25, Variations sérieuses op. 54, Lieder ohne Worte

Martin Stadtfeld, Neville Marinner, Academy of St Martin in the fields


Sony 88735 47669 2
(56 Min., 7/2012) + 14 Min. Bonus-CD

An Virtuosität sollte es einem Pianisten nicht mangeln, der sich mit Mendelssohns g-Moll-Konzert aufs Podium begibt – und in der Tat: Diesbezüglich bleibt Stadtfeld schon im ersten Abschnitt des Kopfsatzes mit seinem kniffligen Passagenwerk nichts schuldig. Allenfalls könnte man bemängeln, dass er und die „Academy of St Martin in the fields“ die großen sinfonischen Bögen hier nicht so souverän zusammenzufassen vermögen wie etwa 1988 Cyprien Katsaris mit dem Gewandhausorchester (unter Masur, Teldec). Daran liegt es vielleicht auch, dass das lyrische zweite Thema hernach ein wenig strohig gerät; dass Stadtfeld romantische Kantilenen zum Singen bringen kann, beweist er dann im „Andante“ durchaus mit Bravour.
Verwendete Stadtfeld im live produzierten Konzert einen modernen Steinway-Flügel, so spielte er die „Variations sérieuses“ und die „Lieder ohne Worte“ wenige Tage vorher im Studio auf einem Blüthner von 1861 ein. Auch dies gelang ihm nicht schlecht: Vor allem im rasanten C-Dur-Stück (op. 67, 4) vom Typ „Spinnerlied“ (die unentwegt dahinrasende Mittelstimme versinnbildlicht das Drehen des Spinnrades) beweist Stadtfeld selbst im trockeneren Klangspektrum des historischen Instruments erneut seine unbestechlich saubere Fingerfertigkeit – nicht ohne zuvor im berühmten „Duetto“ in As-Dur leider wieder ein wenig nüchtern über die melodischen Schönheiten hinweg gespielt zu haben.
Es bleibt in puncto Gestaltung ein Zwiespalt bestehen, der sich auch beim Hören der Bonus-CD nicht auflöst: Was möchte Stadtfeld mit der Darbietung seiner eigenen Bearbeitung des Schlusschors der Bachschen „Matthäuspassion“ (wohl grundsätzlich motiviert durch Mendelssohns konzertantes Engagement für dieses Werk) sagen, wenn er hier teils mit sinfonischer-betroffenheitsbarocker Wucht, teils aber auch mit eigenartig leichtgewichtigem „non legato“ agiert? Das Stück hat schließlich einen Text, und der transportiert einen Affekt, der auch bei einer rein instrumentalen Wiedergabe erkennbar bleiben sollte.

Michael Wersin, 13.10.2012


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