Esa-Pekka Salonen

Out Of Nowhere (Violinkonzert, Nyx)

Leila Josefowicz, Esa-Pekka Salonen, Finnisches Radio-Sinfonieorchester


DG/Universal 479 0628
(48 Min., 9/2011 & 3/2012)

Ganz ohne irgendwelche Präliminarien steigt Leila Josefowicz ins Skalenspiel ein. Zwei Minuten lang spinnt sie da übers Griffbrett geheimnisvoll flirrende Klangfäden – bis sie plötzlich stotternd abstoppt, um für einen kurzen Moment im orchestralen Klanggewölk innezuhalten. Im 3. Satz bricht es aus Josefowicz dann vollkommen unerwartet heraus. Mit heftigen Schraffuren und wilder Motorik, angestachelt von einer besonders explosiven Schlagzeug-Gruppe, die in diesem Treiben schon mal zu Rock-Jazz-Mitteln greift. Unterschiedlicher könnten allein diese beiden Sätze des viersätzigen Violinkonzerts kaum sein, das der finnische Komponist und Star-Dirigent Esa-Pekka Salonen 2009 für die jetzt sensationell aufspielende Leila Josefowicz komponiert hat.
Gemessen an den Neue Musik-Richtlinien, die in Europa weiterhin herrschen, hat der Zahn der Zeit zwar heftig an dem Werk genagt. Aber spätestens seit seiner Ära als Chef des Los Angeles Philharmonic hat Salonen den postmodernen American Way of Sound auch als Komponist so verinnerlicht, dass ihm Sperriges und Kopflastiges ziemlich egal ist. Mit seinem Violinkonzert schießt er aber nicht einfach wie der amerikanische Kollege John Adams kunterbunt, tonal und minimalistisch aus allen Rohren. Gerade im schillernd Rhapsodischen und Elegischen scheint sich immer wieder von Ferne der Geist von Jean Sibelius in Erinnerung zu rufen. Zumindest was das Orchester angeht, ist Salonen eindeutig wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt. 1979 hatte er beim Finnischen Radio-Sinfonieorchester sein Debüt als Dirigent gegeben. Und zu absoluten Höchstleistungen animiert er jetzt die Musiker vor allem in dem Orchesterstück „Nyx“ (2010), das post-romantisch bis neo-impressionistisch in Saft und Kraft steht. Neue Musik-Hardliner mögen angesichts der orchestralen Kintopp-Dramatik, der ostjüdischen Melismen und Strauss´schen Süße mit den Köpfen schütteln. Aber lassen wir sie in ihrem Elfenbeinturm – während wir uns auf diese bravourösen Geisterbeschwörungen einlassen.

Guido Fischer, 20.10.2012


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