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Johann Sebastian Bach

Leipziger Kantaten BWV 25, 138, 105 & 46

Hana Blažíková, Damien Guillon, Thomas Hobbs, Peter Kooij, Philippe Herreweghe, Collegium Vocale Gent

Phi/harmonia mundi LPH 006
(67 Min., 1/2012)

Ein äußerst ansprechendes Paket aus vier faszinierenden Leipziger Kantaten hat Philippe Herreweghe für diese CD geschnürt: BWV 25 „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“ mit ihrem völlig abgefahrenen, vom Leiden am „Sündenaussatz“ geprägten Eingangschor, der eine von der Choralmelodie „Herzlich tut mich verlangen nach einem sel‘gen End“ durchzogene kontrapunktische Tour de force ist. BWV 46 „Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei“ mit ihrem beeindruckenden Eingangschor über einen alttestamentlichen Klagelied-Text, dessen Musik Bach dann 1749 in der h-Moll-Messe so trefflich für das „Qui tollis“ des „Gloria“ wiederverwendet. BWV 138 „Warum betrübst du dich, mein Herz“ mit ihren ungewöhnlichen, von solistischen Einwürfen durchzogenen Chorsätzen und ihrer ungeheuer erhebenden, menuettartigen Bassarie „Auf Gott steht meine Zuversicht“, die als „Gratias agimus tibi“ später im „Gloria“ einer der Leipziger Kurzmessen wieder auftaucht. Und BWV 105 „Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht“ mit der einzigartigen Sopranarie „Wie Zittern und wanken der Sünder Gedanken“, die durch Basslosigkeit des Orchestersatzes den hilflosen Ausnahmezustand des sündenverstrickten Individuums versinnbildlicht, das aber in der mit ihm duettierenden Oboe d’amore bereits seinen Heiland und Erlöser zu erkennen vermag.
Wer solch großartige Musik mit einem handverlesenen Ensemble und umfassender Bach-Erfahrung musizieren darf, hat eigentlich alle Möglichkeiten in der Hand. Herreweghe nutzt dieses Privileg umfassend und bringt es im Großen und Ganzen zu einer mitreißenden Interpretation. Sein Chor – angenehm klein besetzt mit drei Sängern pro Stimme, zu denen hier historisch korrekt auch die Solisten zählen! – ist außergewöhnlich homogen und klangschön, dabei auch sprachlich sehr prägnant. Der erwähnte Eingangschor von BWV 25 geriet ob solcher Leichtigkeit des Bach-Zelebrierens fast ein wenig zu tänzerisch für sein theologisches Sujet. Unter den Solisten glänzt besonders Hana Blažíková mit leuchtendem Sopran; die Jubelarie „Öffne meinen schlechten (=schlichten, Anm.) Liedern“ aus BWV 25 etwa ist eine wahre Freude, obwohl hier die Textverständlichkeit ein wenig zu wünschen übrig lässt. Alain de Rudder bewährt sich als „Corno da tirarsi“-Spieler in der anspruchsvollen Arie „Kann ich nur Jesum mir zum Freunde machen“ gemeinsam mit dem leichtgewichtigen Tenor Thomas Hobbs, der als Angelsachse den phonetisch komplizierten Text gut verständlich artikuliert. Damien Guillon, als Bach-Interpret seit Kurzem sehr in Mode, mischt sich hervorragend mit Blockflöten und Fagott in der sehr speziellen Altarie aus BWV 46. Wie gesagt: ein musikalisch grandioses Programm in nicht nur routinierter, sondern über weite Strecken auch inspirierter Darbietung.

Michael Wersin, 27.10.2012



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