Inner Language Trio ‒ Live!

Christoph Stiefel


Basho/rough trade SRCD392
(64 Min., 4/2011)

Der 51-jährige Schweizer Pianist, Keyboarder und Komponist Christoph Stiefel gehört hierzulande nicht zu den Stars trotz seiner Zusammenarbeit mit Größen der internationalen Szene. Sein EU-ferner schweizerischer Lebensmittelpunkt mag ein Grund dafür sein. Seine jahrelange Zusammenarbeit mit dem Harfenisten Andreas Vollenweider und sein früherer Fusion-Output strebten auch nicht so sehr ins Zentrum der Wahrnehmung der Jazz Community. Doch seit einiger Zeit ist Stiefel dabei, sich mit der klassischen Klaviertrio-Besetzung nachhaltig einen eigenen Platz in der Szene zu erspielen. Mit seinem Inner Language Trio huldigt er der Isorhythmik quasi als Alleinstellungsmerkmal. Isorhythmik ist jene aus dem späten Mittelalter stammende Kompositionstechnik, bei der rhythmische Strukturen in den unterschiedlichen Stimmen abschnittsweise wiederholt und dabei oft auch phasenweise gegeneinander verschoben werden. Bei Stiefel sind die Strukturen von ausgefuchster knackiger Rhythmik und markanter dichter und dann auch wieder funkig harmonisch-melodischer Prägnanz. Felsenfest verankert sind die Abläufe in den oft zirkulär ostinat agierenden Basslinien von Thomas Lähns und in Lionel Friedlis konzentrierten, leichtfüßig und vielschichtig drivenden Schlagzeugstimmen. Auf sieben der neun vor allem in München mitgeschnittenen Tracks ist er der Drummer. Live ist diese Musik mitreißend und richtig gut – ganz im Sinne der drei RONDO-Noten-Punkte; doch das Ermüdungspotenzial des Konzepts sei nicht verschwiegen.

Thomas Fitterling, 27.10.2012


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.