Norma Deloris Egstrom – A Tribute To Peggy Lee

Jessica Pilnäs


ACT/Edel ACT 9724-2
(49 Min., 12/2011)

Peggy Lee war zweifellos die geheime Schutzpatronin des Jazzsängerinnen-Revivals Ende des vergangenen Jahrhunderts. Nicht wenige fühlten sich bei Diana Kralls kühlem, reduziertem Gesangsstil an die 2002 verstorbene Vokalistin erinnert, der das Kunststück gelang, als einzige Künstlerin in den 40ern, 50ern und 60ern einen Hit in den US-Charts zu landen.
Dass die Schwedin Jessica Pilnäs nun zum zehnten Todestag an die ungerechterweise halbvergessene Diva erinnert, ist aus verschiedenen Gründen eine recht hübsche Idee. Angeregt vom Albumtitel, der Peggy Lees Geburtsnamen Norma Deloris Egstrom trägt und die schwedische Herkunft der vermeintlichen Ur-Amerikanerin hervorhebt, könnte man sich beispielsweise einmal Gedanken darüber machen, inwiefern Lee auch die skandinavische Jazzrevolution der Jahrtausendwende vorwegnahm.
Noch interessanter ist freilich, wie sich hier Peggy Lee, die sich nach ihrer Entdeckung durch Benny Goodman immer mehr zur Pop-Chanteuse entwickelte, und Jessica Pilnäs auf halbem Wege treffen. Pilnäs hat nämlich eine umgekehrte Entwicklung hinter sich. Vom schwedischen Pop-Sternchen hat sie sich zu einer ernst zu nehmenden Jazzsängerin gewandelt. Das Peggy-Lee-Tribut ist dafür das beste Beispiel.
Pilnäs ist eine Geschichtenerzählerin, die ihre Stimme den Bedürfnissen der jeweiligen Songs anzupassen versteht. Das kann mal vorstadthaft verträumt sein („The Folks Who Live On The Hill“), mal zickenhaft-bedrohlich („I'm Gonna Go Fishin'“), mal dezent bluesbefallen („Boston Beans“). Der größte Coup liegt freilich in der Besetzung. Ohne Schlagzeug, dafür aber mit Vibrafon (Mattias Stahl), Bass (Fredrik Jonsson), Trompete (Karl Olandersson) und gelegentlichen, dann aber höchst reizvoll-konterkarierenden Streicher-Interventionen des Fleshquartets, bekommt die CD eine ganz eigene Einfärbung. Cooler Minimalismus, der Pilnäs gut zu Gesicht steht – und Peggy Lee gerecht wird.

Josef Engels, 27.10.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Ein Schuss setzt die Welt in Brand: Vor einhundert Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte das Kaiserreich Österreich-Ungarn Serbien den Krieg - der Auftakt zur Mobilmachung in ganz Europa. Wie unwahrscheinlich ein Kriegsausbruch nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger eigentlich war, und wie viele persönliche Macht- und Fehlentscheidungen von höchster, aber auch ministerialer Ebene dazu nötig waren, hat gerade der Historiker Christopher Clark in seinem Buch neu aufgearbeitet. Von ganz anderer, nämlich musikalischer Seite nähert sich die Sopranistin Anna Prohaska dem Thema. Ihr neues Album reflektiert das Datum, das das "Jahrhundert der Kriege" einläutete, mit einem weit gesteckten Repertoire, das über Sarajevo und Verdun hinausweist. Von Soldatenliedern des Dreißigjährigen Krieges bis zu Propagandagesängen, vom "Trommellied" aus Beethovens "Egmont", über Schumanns "Grenadiere", bis hin zu Liedern von Liszt, Fauré, Mahler, Ives, Weil und Eisler reichen die Zeugnisse, die Prohaska an der Seite ihres Pianisten Eric Schneider dafür aufruft. Aus flackernder Begeisterung und auswegloser Verzweiflung entsteht hier das musikalische Porträt einer Ausnahmesituation - die bis heute alltäglich geblieben ist.