Zieht man mit dem US-Amerikaner Harry Partch entlang der Kalifornischen Küste und begleitet ihn von einem Tageslohn zum nächsten, schläft mit ihm in Scheunen und Gefängnissen, in Armenhäusern und unter Bäumen, könnte man ihn fast beneiden: Keine Pflicht ruft ihn, und wenn er Hunger hat, dann muss er nur die Hand ausstrecken, um saftige Datteln zu essen, nur sich umdrehen, um Trauben zu pflücken oder Orangen – Kalifornien ist ein Schlaraffenland.
Bei näherer Betrachtung aber ist dieses Schlaraffenland die Hölle, und auch Harry Partch bekommt in Wahrheit keine Flügel auf seiner Wanderung, sondern Blasen. Als er 1935 von einer langen Europareise heimkehrt und sein letztes Geld verbraucht hat, stellt er fest: Amerika steckt mitten in der Depression – Millionen sind arbeitslos, und Komponisten wie er, Künstler mit Visionen von neuen Instrumenten und neuen Stimmungssystemen, sind nicht gerade das, wonach das Land sucht. Nicht aus Romantik also, sondern aus schierer Not landet er auf der Straße, lebt von der Hand in den Mund, lebt unter den „Hobos“, ist selbst einer von ihnen: ein Wanderarbeiter, ein Obdachloser. Die Zeiten sind hart, doch er will sie nicht vergessen. Was er erlebt in diesen acht Monaten, hält Partch fest in einem Tagebuch, in Worten, in Bildern, in Noten.
„Bitter Music“ nennt Harry Partch sein multi-mediales Roadmovie – und kann es zu Lebzeiten nie veröffentlichen. Erst jetzt hat ein kleines Team von Enthusiasten die Einzelteile der Bitteren Musik zusammen gesetzt. Auf drei CDs erzählt das Ensemble PARTCH die Geschichte, spielt, was der Komponist Partch an Liedern, Klängen und Sprachmelodien notiert hat und zeigt im beiliegenden Booklet, was für ein gewiefter Zeichner er war. „Bitter Music“ ist eine melancholische, kitschige und doch auch unvergleichlich originelle Entdeckungsreise entlang der Great Depression, ein Hörbuch voller Überraschungen auch für die, die die Musik von Partch schon kennen. Denn es zeigt den Exzentriker erstmals in dieser entscheidenden Phase seines Lebens, bevor die eigentlich großen Werke entstehen. Die Erfahrung, aus der sie sich speisen werden, die sammelt Partch in seiner „Bitter Music“ – bewegende, schöne, aber auch schmerzhafte Erfahrungen der Einsamkeit auf den Straßen eines erschütterten Landes.

Raoul Mörchen, 27.10.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Zu den zahlreichen Widersprüchen im Leben von Richard Strauss gehört auch, dass er zwar ein gutbürgerliches Dasein mit Plüschsofa und Sonntagsbraten zu schätzen wusste, aus seiner Abneigung des Bürgertums und der Religion - zumindest im Konzertsaal - keinen Hehl machte. Ein Jahr, nachdem er den Philistern mit seinem Satyrspiel vom "Till Eulenspiegel" eine lange Nase gedreht hatte, ließ der 32jährige sein Opus 30 "Also sprach Zarathustra" in Frankfurt uraufführen. Der berühmteste Sonnenaufgang der (Film-)Musikgeschichte ist schließlich nur der Vorhang zur aufwändig und kulinarisch instrumentierten Tondichtung über Fall und Aufstieg des Philosophen (in dem sich dessen Autor Friedrich Nietzsche zu einem guten Teil selbst porträtierte). Der eingängige Dreiklang des Beginns durchzieht als Tonchiffre der Natur das ganze Werk wie eine Mahnung, an der sich der Erleuchtete abzuarbeiten hat. Den trieb die Sehnsucht unter die stumpfe Herde seiner Mitmenschen, die - mit Straussschem Tonwitz persifliert - völlig der Religion und der trockenen Wissenschaft hörig sind. Genesung bringt dem Enttäuschten das göttliche Vergnügen des Tanzes (bei Strauss ein schwungvoller Walzer), bevor zum guten Schluss der menschliche Geist Zarathustras in überirdisch leuchtendem H-Dur-Akkord seinen Frieden findet. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg kombiniert unter seinem Chef François-Xavier Roth in der neusten Folge aller Strauss'schen Tondichtungen nun den "Zarathustra" mit dem Poem "Aus Italien" und besticht durch straffe Tempi und einen warmen, seidigen Orchesterklang, der - von der Tontechnik tiefenscharf eingefangen - die unzähligen Klangvaleurs Straussscher Instrumentation zum Leuchten bringt.