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Johann Sebastian Bach

Motetten

Frieder Bernius, Kammerchor Stuttgart

Carus/Note 1 CAR83298
(66 Min., 2 & 5/2012)

An qualifizierten Neuaufnahmen von Bachs Motetten hat es in den letzten Jahren keinen Mangel gehabt: Sowohl sehr klein bzw. solistisch besetzte (wie etwa diejenige von „Trinity Baroque“ unter Julian Podger) als auch chorische (so z.B. die vom „Vocalconsort Berlin“ unter Marcus Creed) haben das Spektrum hochqualifizierter Interpretationen auf CD maßgeblich erweitert. Unterschiedlich wird neben der Frage der Chorbesetzungsstärke traditionell auch diejenige nach der Beteiligung von Instrumenten behandelt: Während z.B. Creed – wie im Fall der vorliegenden Neueinspielung auch Frieder Bernius – nur mit Continuo-Instrumentarium arbeitet, ließ Philippe Herreweghe 2011 teilweise Holzbläser colla parte mitlaufen. Die verschiedenen Lösungsansätze spiegeln eine im Ergebnis teilweise immer noch offene Diskussion um Bachs Aufführungspraxis wider, ja sie bereichern diese Diskussion erfreulicherweise um aussagekräftige Klangbeispiele.
Wenn sich Frieder Bernius für seine Einspielung für eine Chorbesetzung von sechs bis acht Sängerinnen und Sängern entschied, dann bewegt er sich zweifellos im Rahmen des derzeit auch musikwissenschaftlich für korrekt Erachteten. Ausgesprochen homogen ist der Chorklang der Stuttgarter, und er zeichnet sich durch angenehme Wärme aus, ohne jemals dick zu wirken – wie üblich, muss man schon sagen, denn diese Qualitäten sind ja seit langem das verlässliche Markenzeichen des Chor-Magiers Bernius. Dass er die wohlgerundete Homogenität des Klangs allerdings durch das Kappen von Obertönen gerade im Diskantbereich erkauft (indem er die Soprane einen ausgeprägten „Kuppelklang“ formen lässt), macht sich im barockmusikalischen Bereich, wo es so sehr auf ein enges, quasi „gleichberechtigtes“ Miteinander von Sprache und Kantilene ankommt, immer wieder negativ bemerkbar: Im direkten Vergleich wird schnell evident, dass die heller geführten Sopranstimmen bei Creed und vor allem bei Herreweghe deutlich klarer und eindringlicher den Text transportieren, ohne dass sie dabei aus dem Gesamttimbre des Chores unangenehm hervorstechen würden.
Ein zweiter Kritikpunkt kommt hinzu: Wo schnelle Koloraturen zu bewältigen sind – etwa in den einschlägigen Fugen-Abschnitten von „Singet dem Herrn“ –, kommt es bei Bernius eigenartigerweise zu Ungenauigkeiten im Zusammen-„Spiel“ wie auch, namentlich im Sopran, gelegentlich zu Verlusten im Timbre. Unterm Strich empfiehlt also der Rezensent angesichts dieser Misslichkeiten – eben weil die „Konkurrenz“ auf so hohem Niveau operiert – eher die Versionen von Herreweghe und Creed.

Michael Wersin, 03.11.2012



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