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El Tiempo de la Revolución

Erik Truffaz-Quartet

Jazz/EMI 9790392
(58 Min.)

Er experimentierte mit HipHoppern, machte Drum'n'Bass und ließ sich auch noch remixen: kein Wunder, dass die Jazzpolizei Erik Truffaz um die Jahrtausendwende herum für eine modische Eintagsfliege hielt. Anlässlich des zehnten Albums des frankoschweizerischen Trompeters muss man allerdings feststellen, dass Truffaz als wichtige Stimme aus dem europäischen Jazz nicht mehr wegzudenken ist.
Nach dem spannenden multinationalen Kulturaustausch-Exkurs „Rendez-vous“ aus dem Jahr 2009 setzt der Trompeter inzwischen wieder auf eine feste Begleitband. Und man merkt, dass E-Bassist Marcello Giuliani, Keyboarder Benoît Corboz und Schlagzeuger Marc Erbetta mittlerweile schon einige gemeinsame Konzerte in den Fingern und Synapsen haben – selten hat man eine Jazzrock-Formation gehört, die derart knochentrocken groovt und sich gegenseitig so viel Raum zugesteht.
„El Tiempo de la Revolución“ birgt stilistisch sicherlich keine Revolutionen; die CD erinnert vielmehr an musikalische Umbruchsphasen der Vergangenheit: Wenn die Gastsängerin Anna Aaron ihr Stück „Blow Away“ singt, fühlt man sich an den Aufbruch der Blumenkinder erinnert, andere Stücke gemahnen wiederum an die Funkjazz-Revolution der 70er Jahre („Mr. K“) oder an die von Erykah Badu oder D'Angelo inspirierte Neudefinition des R&B in den 90ern („Istanbul Tango“).
Deutlich wird aber auch, wie viel klarer, konturierter und reduzierter Truffaz' Spiel über die Jahre geworden ist. Beeindruckendstes Beispiel ist „Un souffle qui passe“, ein Duett mit Corboz an der Hammond-Orgel. Der traumverhangene Ton, die muezzinartigen Seufzer, die schwermütige Seelenruhe – all das zeigt, dass sich Truffaz von seinem Vorbild Miles Davis spieltechnisch und emotional längst emanzipiert hat.

Josef Engels, 17.11.2012



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