Die Klagelied-Lesungen der vorösterlichen Karmetten sind seit der Renaissancezeit ein wichtiges Betätigungsfeld für Komponisten geistlicher Musik gewesen: Eine große Zahl von musikalisch oft höchst eindrucksvollen Lamentationen-Zyklen sind überliefert. Auch im Frankreich der Barockzeit entstanden eine Menge solcher Zyklen, dort „Leҫons de ténèbres“ genannt. Die bekanntesten stammen von Couperin oder Charpentier; einige weniger bekannte Kompositionen sind auf der vorliegenden CD enthalten.
Die barocken französischen „Leҫons“ sind in der Regel monodisch, also für ein oder zwei Solostimmen, teils plus obligate Instrumente, und Basso Continuo komponiert. So auch die hier präsentierten von Brossard, Michel und Bernier. Das Repertoire ist vor allem in melodischer Hinsicht hochexpressiv, die Kantilenen folgen in speziell französisch-barocker Manier sehr eng dem Textausdruck. Dass die vertonten Bibelverse durchaus deprimierend bis radikal sind, scheint auf den ersten Blick der französischen Eleganz mit ihren vielen Schnörkeln und Verzierungen zu widersprechen. Indes demonstrieren die Gesangssolisten dieser CD, dass es einen breiten interpretatorischen Spielraum gibt, innerhalb dessen das geschilderte Grauen doch eindrucksvoll zur Geltung gelangen kann: Sie scheuen sich nicht, stimmlich kräftiger zuzugreifen, wo es nötig scheint; Isabelle Poulenards Gesang bleibt dabei indes keineswegs vibratofrei, was immer wieder irritiert. Der Altus Jean-Franҫois Lombard agiert in puncto Stimmführung ruhiger, aber nicht weniger aussagekräftig. Hervorragend bei der Sache sind die begleitenden Instrumentalisten: Sie beteiligen sich vorbildlich an der musikalischen Rhetorik. Ensembleleiter Jérôme Correas verwendet als Continuospieler häufig ein Cembalo (statt einer Orgel), was der zupackenden Natur der Darbietung entspricht. Insgesamt also eine begrüßenswerte Einspielung wenig bekannter Musik, die im Großen und Ganzen interpretatorisch überzeugt.

Michael Wersin, 17.11.2012



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