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Franz Schubert

Moments musicaux D. 780, Sonate D-Dur D. 850

Valery Afanassiev

ECM/Universal 476 4580
(71 Min., 9/2010)

Als 1986 Valery Afanassievs Aufnahme von Schuberts letzter Klaviersonate erschien (damals noch auf schwarzem Vinyl-Gold), war man wie vom Donner gerührt. Unter den Slow-Motion-Händen des Russen zerbrachen jegliche Zeitstrukturen. Und doch besaß dieses Drama in vier Satz-Akten eine Spannung, bei der sich eine handfeste Katastrophe ankündigte. Selbst die Schubert-Einspielung von Afanassievs Vorbild Svjatoslav Richter erwies sich da angesichts des verstörenden Auslotens auch der Zwischenwelten von Stille und Nicht-Stille fast als handzahm.
26 Jahren nach diesem Schockerlebnis kehrt Afanassiev mit seiner zweiten Schubert-Aufnahme für das ECM-Label zurück. Mit den sechs Moments musicaux D. 780 sowie der sogenannten „Gasteiner Sonate“ D-Dur D. 850. Doch diesmal kann man sich etwas entspannter auf das Wiederhören mit diesem Sonderling der Klassik-Szene einstellen. Denn wenngleich der Schriftsteller und Philosoph Afanassiev in seinem Booklet-Essay über die eingespielten Werke anhand von Goethe („Faust“) bis Stanley Kubrick („2001: Odyssee im Weltraum“) reflektiert, bleibt Schubert diesmal bei ihm ein Mann von dieser Welt. Und speziell in der D-Dur-Sonate erinnert Afanassiev daran, wie Schubert sich das Kindliche zu bewahren versuchte. Ganz ohne romantische Gedankenschwere kommt er daher in allen vier Sätzen aus. Stattdessen scheint Schubert nun über die Felder und Wiesen zu tollen (3. Satz). Das „Con moto“ betont das Ländlerhafte. Und im Finale tickt es so luftig und jugendlich, wie es tatsächlich auch Richter in seiner spektakulär kontrastreichen Aufnahme von 1956 vorgemacht hat. Doch wie schon immer bei Afanassiev hat auch diese Sichtweise ihre zwei Seiten. Und so schwingt unterschwellig oftmals ein Ton mit, der das Heitere als reinste Phantasmagorie entzaubert. Vielleicht hätten daher die sechs Moments musicaux D. 780 auch besser ans Ende der Aufnahme gepasst. Denn allein die Unruhe im Weihevollen (2. Stück) und das fast Hinkende im 3. Stück weist von Ferne auf jenes Szenario hin, das Schubert mit seiner B-Dur-Sonate formulieren sollte.

Guido Fischer, 08.12.2012



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