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Charles-Simon Catel

Sémiramis

Maria Riccarda Wesseling, Mathias Vidal u.a., Hervé Niquet, Le Concert Spirituel

Glossa/Note 1 GCD 921625
(105 Min., 7/2011) 2 CDs

Mit seinen Revolutionshymen war Charles-Simon Catel (1773 – 1830) musikalisch genauso auf der richtigen Seite wie sein Lehrer François-Joseph Gossec. Doch wie schnell der zukunftsweisende Elan von 1789 verblassen sollte, spiegelt sich auch in Catels erster Oper „Sémiramis” wider. Dafür steht allein die Gattungsbezeichnung „Tragédie lyrique“, die doch längst von der Opéra comique abgelöst worden war. Und als das Werk 1802 mit sehr mäßigem Erfolg in Paris uraufgeführt wurde, stand bereits die Grand Opéra in den Startlöchern.
Hört man nun zudem in der Weltersteinspielung, wie Catel nicht nur das Erbe Glucks verwaltet, sondern gleichermaßen die lyrischen, von Jean-Philippe Rameau hinterlassenen Klangzauberbereiche betritt, könnte man ihn schnell als einen allzu rückwärtsgewandten Komponisten abstempeln. Doch damit würde man ihm Unrecht tun. Denn wenngleich Catel bei seiner Vertonung des Voltaire-Dramas um die babylonische Königin Sémiramis keine Arien für die Ewigkeit eingefallen sind, entschädigt er dafür mit harmonisch bewegenden und sich spannungsvoll steigernden Momenten. Und wie nah ihm dabei Mozart stand, belegt nicht nur ein Instrumental-„Andante“, sondern auch der effektvoll exotische Marsch am Ende des 1. Aktes.
Dirigent Hervé Niquet lässt sein Concert Spirituel-Orchester mit jenem Drive und Schmiss glänzen, mit dem er nicht nur regelmäßig die Barockoper vom Staub befreit hat, sondern vor drei Jahren auch „Andromaque“ des Catel-Zeitgenossen Grétry. Und wie schon bei dieser Repertoire-Ausgrabung steht auch bei „Sémiramis“ die Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling im Mittelpunkt. Diesmal besitzt sie jedoch ausgerechnet in der Titelpartie nicht die Selbstverständlichkeit im Tonschönen wie in der dramatischen Tiefe, mit der sie noch bei Grétry auftrumpfte. Da wirkt ihr Gesang doch oftmals allzu forciert. Ihr Partner und ihre Partnerinnen erweisen sich dagegen als durchweg ideal besetzt – in einer Wiederentdeckung, die ihre Liebhaber aber wohl ausschließlich unter denjenigen finden wird, die sich auf die Oper im post-revolutionären Frankreich spezialisiert haben.

Guido Fischer, 22.12.2012



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