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Antonín Dvořák

Lieder

Bernarda Fink, Roger Vignoles

harmonia mundi HMC 901824
(68 Min., 5/2003) 1 CD

Die argentinische Mezzosopranistin Bernarda Fink begegnete dem CD-Publikum bisher leider nur vereinzelt, allerdings immer sowohl stimmlich als auch interpretatorisch exzellent disponiert - dies galt sowohl für ihr spanisch-argentinisches Rezital als auch für ihr Schumann-Programm (beide harmonia mundi). Nicht weniger edel gelang ihr nun ein Dvořák-Liederalbum, das den Schallplattenkatalog an dieser Stelle maßgeblich bereichert.
Fink glänzt einmal mehr mit ihrer berückend schön timbrierten Stimme, deren Register so optimal verblendet sind, dass der Hörer weder auf offene, klare Töne in der tiefen Lage zu verzichten braucht noch sich mit einer insgesamt abgedunkelten Skala abfinden muss. Dieser schwierige Registerausgleich gelingt nur wenigen Mezzosopranistinnen mit ähnlicher Perfektion; an erster Stelle wäre wohl Janet Baker als Positiv-Beispiel zu benennen.
Zu vergleichender Betrachtung auf Basis desselben Repertoires bietet sich Magdalena Koženás tschechisches Rezital von 1998 an (DG): Sie nahm ebenfalls Dvořáks Zyklus op. 83 auf. Kein Zweifel: Die wesentlich heller, fast wie ein Sopran timbrierte Kožená verfügt in der hohen Lage immer wieder einmal über ätherischere, silbrigere Töne als Fink; dies jedoch um den Preis, dass ihre Tiefe - man vergleiche etwa den Beginn des sechsten Liedes - weniger gut anspricht, und dass sie große Intervalle nicht ganz so geschlossen und ausgeglichen zu bewältigen vermag wie Fink.
In der Fähigkeit, melodische Bögen intensiv und dicht auszugestalten, ohne dabei die sprachliche Differenziertheit und die Geschmeidigkeit der Phrasen vernachlässigen zu müssen, liegt die eigentliche Stärke Bernarda Finks. Dies kommt ihr zu Gute und hemmt sie gleichzeitig ein wenig bei der Interpretation der Zigeunerlieder op. 55, die sie ausgesprochen kultiviert und klangschön, aber deutlich weniger spektakulär darbietet als dreißig Jahre früher Brigitte Fassbaender (EMI, in deutscher Sprache), die die zigeunerhaft-kesse Vortragsart (auch über diese Lieder hinaus) erfolgreich zum Markenzeichen ihres Vortrags machte. Kurzum: Einen ästhetischen Hochgenuss verspricht Bernarda Finks neues Liedalbum allemal, und die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Repertoire wird in jeder Sekunde deutlich. Dennoch sei die Frage erlaubt: Warum geht sie stimmlich-darstellerisch keine größeren Wagnisse ein? Etwas mehr Mut, aus sich herauszugehen, würde ihrer bewundernswerten Kunst ein Sahnehäubchen aufsetzen.

Michael Wersin, 22.05.2004



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