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Harrison Birtwistle

Streichquartette

Arditti Quartet

æon/Note 1 AECD 1217
(60 Min., 4 & 5/2010)

Die Musik des Engländers Harrison Birtwistle zeichnet sich in ihrer Hochkomplexität von jeher durch eine ungemeine Haptik aus. Mosaikhaft hingetupfte Klangpartikel und gereizte Mikrotonalität, abrupte Pendelschläge, die sowohl in die tumulthaft gezackte wie in die andere, sphärisch sanfte Richtung reichen – das streng Durchkonstruierte erweist sich nicht als Spiegel einer publikumsfernen Verweigerungsästhetik, sondern packt einen bei den Ohren. Wenn aber wie jetzt im Fall der Einspielung der Streichquartett-Werke von Birtwistle das Arditti Quartet zulangt, herrscht eine bis zum Bersten gespannte Atmosphäre. Das gilt für die „9 Movements“ (1991 – 96) genauso wie für den halbstündigen Organismus „The Tree Of Strings“ (2007).
Obwohl beide Kompositionen formal aus unterschiedlichen Hölzern geschnitzt sind, fordern sie eine spieltechnische Souveränität und geistige Wachheit ein, die man so weiterhin nur von den Ardittis geliefert bekommt. Der Titel von „The Tree Of Strings“ geht auf ein Gedicht des gälischen Dichters Sorley MacLean zurück, der auf jener schottischen Insel Raasay geboren wurde, auf der Birtwistle Ende der 1970er Jahre gelebt hatte. Das knapp dreißig Jahre später entstandene Quartett verdichtet aber nicht etwa Erinnerungen ins klanglich Nostalgische. Vielmehr schien Birtwistle selbst in den untersten Dynamikbereichen kompromisslos gegen die Verbote verstoßen zu wollen, mit denen Presbyterianer jahrhundertelang das Musikleben von der Insel verbannt hatten. Um ein Vielfaches schmuckloser und vehementer erweisen sich dagegen die „9 Movements“, die in der abschließenden „Todesfuge“ nach Paul Celan münden. Und auch hier kommt man aus dem Staunen nicht heraus – angesichts der 1001 Nuancen, die die Ardittis da im Grellen und Motorischen freilegen.

Guido Fischer, 05.01.2013



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