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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier

András Schiff

ECM/Universal 476 4827
(244 Min., 8/2011) 4 CDs

Auf András Schiff kann man sich verlassen. Denn immer wenn er Bach spielt, kommt das Resultat einem reinigenden Bad auch von den neo-romantischen Manierismen gleich, mit denen jüngere Kollegen (Stichwort: David Fray) aktuell Gedankentiefe vortäuschen. Bei Schiff hingegen hat alles Hand und Fuß. Und trotz einer vernunftgeprägten Klarheit, mit der er bisher große Bach-Kompendien anging, machte er stets die Unterschiede zwischen wahrer Empfindsamkeit und metaphysischer Gefühlsduselei erfahrbar. Im Laufe vieler Jahre hat sich Schiffs Bild und Verständnis von Bach zwar kaum verändert. Doch das ist auch gut so, wie seine Kompletteinspielung des riesigen Präludien & Fugen-Parcours im „Wohltemperierten Klavier“ beweist.
Denn Schiff schafft es mit seinem großen Formbewusstsein und immensen, artikulatorischen und koloristischen Darstellungsreichtum, einerseits die spezifische Grammatik und Rhetorik jedes einzelnen Paars offenzulegen. Zugleich wird man Ohrenzeuge eines schier unendlichen Ausdruckskosmos, der von beredt nobel über konzertant schwungvoll bis würdevoll streng reicht. Und das vielleicht am meisten Beeindruckende daran ist, dass Schiff diese musikalischen Wunderwerke ausschließlich aus sich heraus sprechen lässt. Nirgendwo muss er bei ihren Reizen und ihrem Geist nachhelfen. Weder in dem D-Dur-Präludium mit seiner pointierten Rhythmik noch in der zärtlich beseelten H-Dur-Fuge (beide 1. Buch). Und was es für ein Vergnügen auch nach vier Stunden noch sein kann, von Schiff mit kultiviertem Elan selbst durch eine polyphone Mini-Architektur geleitet zu werden, zeigt er in der Kehraus-Fuge in h-Moll. Nur ganz großen Künstlern gelingt so etwas.

Guido Fischer, 19.01.2013



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