„Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: dass er für den Kommunismus kämpft.“ Auch solche Sätze aus „Die Maßnahme“ waren es, die Hanns Eisler und Bertolt Brecht in den späten 1940er Jahren vor den McCarthy-Untersuchungsausschuss gebracht hatten. Und obwohl beide beteuerten, dass sie mit dem Kommunismus nichts mehr am Hut haben, waren die Tage ihrer amerikanischen Exil-Jahre damit gezählt. Wenngleich sich seitdem die Politblöcke in Luft aufgelöst haben, reizt das erste gemeinsame Bühnenstück von Eisler und Brecht weiterhin zu heftigen Diskussionen. Denn wer Brechts Text lediglich oberflächlich liest, der hat hier ein unsägliches Loblied auf den Kommunismus vor sich, der jeden Querdenker aus dem Weg räumen muss. Doch blinde Parteigänger waren Eisler und Brecht nicht, als sie 1930 mit „Die Maßnahme“ eine Art Opern-Oratorium konzipierten. Vielmehr brachten sie – trotz ihres unüberhörbar links schlagenden Herzens – ihre grundsätzlichen Zweifel an einer ideologischen Allmächtigkeit zum Ausdruck, die nur noch die Masse und nicht mehr das Individuum im Blick hat. Dargestellt an einer Parteigerichtsszene, in der vier Agitatoren in Rückblenden und Rollenspielen auch von der notwendigen Ermordung eines Genossen berichten, verblasst so jegliches Huldigungspathos zugunsten eines geradezu nüchtern vorgetragenen Einblicks in den Kampf für die Arbeiterklasse.
Obwohl der überarbeitete Text seit der Berliner Uraufführung 1930 immer wieder nachgedruckt wurde, untersagte Brecht 1956 jede öffentliche Aufführung. Und so konnten erst in den 1990er Jahren die für ihre restriktive Nachlassarbeit berühmt-berüchtigten Brecht-Erben erweicht werden, das Stück endlich wieder freizugeben. Nach der ersten deutschen Wiederaufführung 1997 am Berliner Ensemble wurde ein Jahr später „Die Maßnahme“ bei den „Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik“ in einer weiteren Produktion gezeigt. Die damals mitgeschnittene Aufführung liegt nun als Weltersteinspielung der „Maßnahme“ vor. Dirigent Johannes Kalitzke trifft dabei genau den Ton von Eislers breitem Klangspektrum, das vom Jazz über Choräle (mit Bach-Anleihen) bis hin zu komplex gestalteten Arbeitergesängen reicht. Und im Zusammenwirken mit Brechts typisch emotionslosem Lehrstück-Sound werden so Fragen aufgeworfen, über die man sich in politisch und ökonomisch gewandelten Zeiten durchaus noch seine Gedanken machen kann. „Ich weiß nicht, was ein Mensch ist“, sagt da etwa ein Händler. „Ich kenne nur seinen Preis.“

Guido Fischer, 19.01.2013



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