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Orlando di Lasso

Hymnen

Die Singphoniker

Cpo 777 751-2
(63 Min., 10/2011)

Unter Hymnen im engeren – geistlichen – Sinn versteht man strophische Gesänge mit einfachen, aber prägnanten Melodien, zu denen sich der Text meist syllabisch, also mit einer Silbe je Ton, gesellt. Der Hymnus als Gattung geht zurück auf Ambrosius von Mailand, der im 4. Jahrhundert mit Werken wie „Veni, redemptor gentium“ die Form wohl textlich und musikalisch erfunden und im Frühstadium geprägt hat. Nur wenige der zahllosen, bis weit ins Mittelalter hinein geschaffenen Hymnen sind ins breiter bekannte Gesangsrepertoire der Kirche übergegangen, denn die Hymnen gehören liturgisch in die Haupthoren des Stundengebets (Laudes, Vesper, Komplet), und diese Feiern werden ja bis heute vorwiegend in Klöstern gepflegt.
Klingt nicht gerade umwerfend interessant, soweit. Allerdings haben die Komponisten der Renaissance die Hymnen (wie auch praktisch alle anderen Gattungen liturgischer Gesänge) mehrstimmig bearbeitet, und zwar in der Regel „alternatim“: Einstimmig vorgetragene Strophen wechseln sich ab mit kunstvoll auskomponierten mehrstimmigen. Das Spannungsfeld zwischen melodischer Schlichtheit der gregorianischen Vorlage und überbordender Reichhaltigkeit der theologischen Bilderwelt des Textes inspirierte einen Komponisten wie etwa Orlando di Lasso zu einer besonders dichten polyphon-imitatorischen Kompositionsweise, die streckenweise viel konzentrierter erscheint als die oftmals lockerer gefügte Tonsprache seiner Messen. Solche Strukturen vermögen auf den Hörer geradezu soghaft zu wirken – vor allem dann, wenn sie mit einer so unübertrefflichen Klarheit, Intonationsreinheit, Ausgewogenheit und Klangschönheit vorgetragen werden wie auf dieser CD. Die „Singphoniker“ haben sich eine Auswahl von Orlando di Lassos Hymnen so vollständig zu eigen gemacht, dass man sich als Hörer wie auf Flügeln des Wohlklangs geradewegs ins musikalisch so ungeheuer reiche 16. Jahrhundert zurückgetragen fühlt – in die Gottesdienste der Münchner Frauenkirche oder der Hofkapelle.
Wo soll man mit dem Lob beginnen? Die obertonreiche, gerade geführte und doch von innen her fein bewegte Stimme des Countertenors Markus Geitner ist wirklich von außerordentlicher Qualität. Sie ist das Glanzlicht des Ensembleklangs, der sich auf einer sicheren Basis im Bass-/Baritonbereich entfalten kann: Die Unterstimmen liefern mit ihren blitzsauber „einrastenden“ Quinten und Oktaven ein klangräumlich weites Fundament. Dazwischen bahnen sich die im Timbre perfekt auf den „Rahmen“ abgestimmten Tenorstimmen ihren Weg – ein Ensembleklang von so hohem Niveau, dass man eigentlich nur die „King’s Singers“ zum Vergleich heranziehen kann.

Michael Wersin, 02.02.2013



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