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Valentin Silvestrov, Giya Kancheli, Carl Vine u.a.

The Art Of Instrumentation

Gidon Kremer, Kremerata Baltica

Nonesuch/Warner 7559-79634-5
(59 Min., 2/2011)

Glenn Gould war ein großer Fan vom Pult-Exzentriker und Sound-Ekstatiker Leopold Stokowski. Und selbst von Stokowskis vollsaftigen Bach-Transkriptionen war er im Gegensatz zum Rest der seriösen Klassik-Welt angetan. Was aber hätte Gould wohl jetzt zu den durchweg verinnerlichten, oftmals puritanischen Bach-Fantasien gesagt, mit denen gleich elf Komponisten den kanadischen Bach-Interpreten zu würdigen versuchen? Eingeladen zu dieser ungewöhnlichen Gould-Hommage hat Gidon Kremer, der noch das Glück hatte, ihn in dessen Studio besuchen zu können. Für sein Streicher-Projekt „The Art Of Instrumentation“ durften sich nun vorrangig Komponisten aus dem engen Kremer-Zirkel Bach-Stücke, mit denen Gould sich sporadisch bis oft beschäftigt hat, herauspicken und neu belichten. Dazu gehören sowohl ein Satz aus einem Cembalo-Konzert wie eine Invention, und neben drei Doppelpaaren aus dem „Wohltemperierten Klavier“ zieht sich selbstverständlich die „Aria“ aus den Goldberg-Variationen wie ein kleiner roter Faden durch diese Gould-Annäherungen.
Doch schon bei der ersten „Aria“-Version des Letten Georgs Pelēcis wird man den Eindruck nicht los, als ob sich Kremer hier mit seinen Freunden noch mal am Grab von Gould zusammengefunden hätte – so meditativ säuselt es da. Und auch die Streicher-„Aria“ des Russen Victor Kissine kommt einer trauertrunkenen Geisterbeschwörung gleich, bei der sich über eine CD-Zuspielung Gould aus dem Jenseits zurückmeldet. Aus unterschiedlichsten Ländern stammen zwar die Komponisten, aus Serbien (Stevan Kovacs Tickmayer), Georgien (Giya Kancheli), Russland (Valentin Silvestrov) und Australien (Carl Vine). Dennoch scheinen sie sich jetzt bei vielen Werken, die nicht mehr sind als mutlose Arrangements, auf einen allzu überernsten Ton geeinigt zu haben, um so vor allem Bachs Musik und das Spiel Goulds zur reinen Gedankenarbeit zu degradieren. Perfekt befolgt hingegen hat man damit die Bitte Gidon Kremers, sich für diese „Kunst der Instrumentation“ an Bachs intellektuellem Manifest „Die Kunst der Fuge“ zu orientieren.

Guido Fischer, 16.02.2013



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