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Luigi Nono

Intolleranza 1960

Wolfgang Neumann, Maria Kowollik, Judy Berry u.a., Gabriel Feltz, Bremer Philharmoniker, Chor des Bremer Theaters

Dreyer Gaido/Note 1 DGCD21030
(64 Min., 2/2001)

Der Musiker als Homo politicus, der gegen Faschismus und Ausbeutung ankomponiert – dieser Rolle fühlte sich der Italiener Luigi Nono bereits in jenen Jahren verpflichtet, als er mit Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen das Dreigestirn der Nachkriegsavantgarde bildete. Und bis in die 1970er Jahre hinein trat Nono mit hochkomplexen Klang-Manifesten für die neuen Geknechteten und Entrechteten ein. Angefangen von seinem Widerstandsoratorium „Il canto sospeso“ über die Tonband-Komposition „La fabbrica illuminata“ bis zur Marx-Reflexion „Ein Gespenst geht um in der Welt“. Bei den Werktätigen ist rückblickend Nonos Engagement auf wenig fruchtbaren Boden gefallen, während er immerhin im Musikestablishment kurzzeitig mit seiner Protesthaltung für helle Aufregung sorgte. Als 1961 die szenische Aktion „Intolleranza 1960“ im Teatro La Fenice in seiner Heimatstadt Venedig uraufgeführt wurde, war der Skandal perfekt.
Anhand historischer Ereignisse und Texte etwa von Brecht, Majakowski und Gefolterten schuf er ein elektro-akustisches Klang-Worttheater, in dem einzelne Wegetappen eines italienischen Gastarbeiters beleuchtet werden. Nach einer Bergwerkskatastrophe in Belgien macht er sich auf in die Heimat und gerät dabei in Demonstrationen. Er wird festgenommen und gefoltert. Und in Italien kommt er schließlich bei einer Flutkatastrophe ums Leben. Inhaltlich ist „Intolleranza 1960“ eng mit der damaligen Weltpolitik verknüpft, mit der Kolonialmacht Frankreichs und dem Spanien Francos. Trotzdem wurde in den Folgejahrzehnten in Neuinszenierungen versucht, den warnenden Geist von „Intolleranza“ zu retten. Heute scheinen die Parolen wie „Tod dem Faschismus und Freiheit für das Volk“ mehr denn je nur noch für Wahlversammlungen von verstockten KP-lern geeignet. Die aufwühlende Brennkraft von Nonos Musik hat hingegen überhaupt nicht abgenommen. Komponiert für großes Orchester, Sänger, Sprecher, Chöre und Tonband, ist „Intolleranza 1960“ in einem ständigen, beklemmenden bis archaisch entfesselten Unruhezustand. Die jetzt vorliegende Einspielung ist ein Mitschnitt einer Neuproduktion, die am Bremer Theater in der Regie von Johann Kresnik vor über zehn Jahren zu sehen war. Und Dirigent Gabriel Feltz ist es damals schlichtweg beeindruckend gelungen, dem mörderisch schwer aufzuführenden Werk etwas von seinen Pamphlet-Charakter zu nehmen. Trotzdem hätte es zum Service gehört, das (eher mäßige) Libretto im Booklet abzudrucken.

Guido Fischer, 30.03.2013



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