Bachs Kantaten zum Fest „Christi Himmelfahrt“ fehlten bisher in John Eliot Gardiners Gesamtaufnahme, die 2000 im Rahmen einer aufwändigen „Cantata Pilgrimage“ in zahlreichen europäischen Kirchenräumen live dokumentiert wurde. Nun werden sie nachgeliefert, produziert wiederum live im Mai 2012 in London. Interpretatorisch bewegt sich dieses Programm auf demselben Niveau wie der „Kernbestand“ der Einspielungen: Mit höchster Vollkommenheit musiziert das Orchester mit seinen faszinierend homogenen Streichern und Bläsern, die Bachs teils intrikate melodische Linien so organisch ausgestalten, als sei die musikalische Rhetorik des Thomaskantors die zweite Muttersprache der Spieler. Der aus Profis bestehende Chor widmet sich den bewegten vokal-instrumentalen Concerti energisch und zupackend im kreativen Dialog mit den Instrumenten; die unterschiedlich stark bewegten Ebenen eines komplexen Satzes wie „Wer da gläubet und getauft wird“ (Eingangschor aus BWV 37) kommen in einer so ausgefeilten Darbietung mit plastischer Differenziertheit zur Geltung, wodurch sich eine faszinierende Tiefenschärfe einstellt. Ist es vorstellbar, dass Bachs Leipziger Chorknaben und Studenten auch mit solchem Finish musiziert haben?
Die vier Gesangssolisten decken ein breites ästhetisches Spektrum ab: Lenneke Ruiten (Sopran) klingt mit ihrem knabenhaft keuschen Retro-Timbre ein wenig wie einstmals Agnes Giebel, was überraschend, aber nicht unbedingt unangenehm ist. Dietrich Henschel hingegen bedient sich in der Arie „Er ist’s, er ganz allein“ (BWV 43) um im vorausgehenden Rezitativ einer perkussiv-harschen Stimmgebung, die wohl Prägnanz erzeugen soll, tatsächlich aber nur hölzern und ungelenk, letztendlich müde klingt. Das „Vorbild“ Dietrich Fischer-Dieskau wird zudem in den mal übermäßig gestoßenen, mal verwischten Koloraturen deutlich erkennbar. Was spricht bloß dafür, Bach heute noch so zu singen? Da kommen Andrew Tortise (Tenor) und Meg Bragle (Alt) dem Ideal schon wesentlich näher: Schlank, beweglich und mit angenehmem, aber nicht allzu raffiniert gestyltem Timbre liefern sie in ihren Arien jene flexible Offenheit, bei der hinter einer unprätentiös schlichten, dabei sinnlich sehr ansprechenden Gesangsleistung sofort der Blick auf die Musik und ihre Botschaft frei wird.

Michael Wersin, 25.05.2013



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