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Victor Kissine

Between Two Waves, Duo, Barcarola

Gidon Kremer, Daniil Grishin, Giedré Dirvanauskaité, Andrius Zlabys, Kremerata Baltica, Roman Kofman

ECM/Universal 002894810104
(67 Min., 7/2011)

Gerade hat der gebürtige Russe und seit langem in Brüssel lebende Komponist Victor Kissine seinen 60. Geburtstag gefeiert. Und wie viele gleichaltrige Kollegen aus dem Baltikum kann er sich glücklich schätzen, in Gidon Kremer einen seiner treuesten Fürsprecher zu besitzen. Dank ihm erlebt Kissine daher auch seit einiger Zeit einen zweiten Frühling, was seine Breitenwirkung angeht. Mit den jungen Kollegen Giedré Dirvanauskaité und Khatia Buniatishvili hatte Kremer vor zwei Jahren Kissines geheimnisvoll oszillierendes Klaviertrio „Zerkalo“ phänomenal eingespielt. Und erst kürzlich gehörte Kissine mit zu dem von Kremer zusammengestellten Komponistenpool, der an den Bach-Interpreten Glenn Gould erinnerte. Die drei Werke nun, die 2011 beim Lockenhaus-Festival erklangen und mitgeschnitten wurden, sind dementsprechend eng mit Kremer und seiner Kremerata Baltica verbunden.
Kissines Musik ist im Grunde vollkommen unspektakulär. Doch in dieser scheinbaren Zurückhaltung stecken ungeahnte Anziehungskräfte. Und direkt in den ersten Takten baut Kissine meist ganz leise, ganz zart eine Spannung auf, die im Laufe der jeweils rund 22-minütigen Stücke keine Sekunde abnimmt. Im Klavierkonzert „Between Two Waves“ (Solist: Andrius Zlabys) entwickelt sich aus dem radikalen Slow-Motion-Strom eine unberechenbare Gratwanderung zwischen verstörender (Un-)Ruhe, tosender Filigranität und gefährlich heranrollenden Klangwellen. Kaum wahrnehmbare Winde durchziehen dagegen zunächst das Duo für Bratsche und Violoncello, für das sich Kissine von einem Gedicht des russischen Dichters Osip Mandelstam inspirieren ließ. Doch wie in „Between Two Waves“ und in der konzertanten Violin-Fantasie „Barcarola“ flackern in dem mit schillernden Glissandi und zitternden Trillern aufgeladenen Zustand des Flüchtigen immer wieder schemenhafte Inseln der Erinnerungen auf. Es sind vertraute Tanzrhythmen, die in dieser geheimnisvollen Klangwelt des steten weiter, immer weiter wie nostalgische Echos wirken. Doch selbst in solch doppelbödigen Momenten gibt es zumindest daran keinen Zweifel, dass Kissines Musik ihre ungeahnten Tiefen und Facetten wirklich erst dank Gidon Kremer und seiner Freunde preisgibt.

Guido Fischer, 25.05.2013



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