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Georg Philipp Telemann

12 Fantasien

Dorothee Oberlinger

deutsche harmonia mundi/Sony 88765 445162
(54 Min., 10/2012)

Zwölf Fantasien für ein Melodieinstrument ohne Begleitung, zwölf unterschiedliche Satzfolgen, gespielt von einer Blockflöte allein – dass hier ein hohes Maß an expressiver Dichte und interpretatorischer Unmittelbarkeit entfaltet wird, braucht wohl nicht näher erklärt zu werden. Zumal wenn die Interpretin Dorothee Oberlinger heißt: Differenzierteres, präziser artikuliertes, intensiver sprechendes Blockflötenspiel als dieses vermag man sich wohl kaum vorzustellen. Die aufgezählten Qualitäten sind freilich auch nötig, um solche Musik fesselnd über die Rampe zu bringen. Oberlinger vergleicht Telemanns Solo-Fantasien u.a. mit J. S. Bachs Suiten für die Violine oder das Violoncello allein, was naheliegend ist; hier wie dort erscheint der auf den ersten Blick einstimmige musikalische Satz als Konzentrat barockmusikalischer Topoi, die eigentlich nur via Mehrstimmigkeit darstellbar wären. Polyphone Verläufe werden dabei ebenso angedeutet wie komplementäres Duo-Spiel; imaginäre Basslinien formieren sich im Kopf des geübten Hörers als Gegenstimmen zum tatsächlich gehörten melodischen Geschehen, ja sogar unterschiedliche instrumentale Timbres scheinen hier und da nebeneinander wahrnehmbar. Solche Tiefe des eigentlich einstimmigen Satzes fordert eine besonders enge Beziehung zwischen Interpret und Publikum, verlangt zudem ein Höchstmaß an interpretatorischer Reife vom Spieler und ein beträchtliches Maß an differenziertem Wahrnehmungsvermögen (bzw. -willen) vom Hörer. Dass Dorothee Oberlinger uns zu einer solchen Rezeptionsleistung ermutigt und gleichzeitig auch anleitet, ist die eigentliche Großtat, die sie mit dieser CD vollbracht hat.

Michael Wersin, 01.06.2013



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