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Frederic Mompou

Prelude Nr. 7 „Palmier d'etoiles”, Kinderszenen, Dialogues 1 & 2, Musica callada u.a.

Arcadi Volodos

Sony 88765433262
(74 Min., 10 & 12/2012)

Bis auf die berühmte, schon von Michelangeli und Rubinstein gespielte Cancion y danza Nr. 1 war das schmale Klavierwerk Frederic Mompous eher die Domäne der Liebhaber des Abseitigen, Unzeitgemäßen. Wenn nun ein internationaler Großpianist einen Parcours durch alle Schaffensphasen des 1987 gestorbenen Katalanen unternimmt, mag es vielen wie eine „Entdeckung“ vorkommen; dabei sind längst einige ordentliche Werkschauen zu haben. Pianisten wie Josep Colom, Adolf Pla oder Jordi Masó gehören pianistisch wie kommerziell allerdings in eine andere Gewichtsklasse als Arcadi Volodos. So werden viele Hörer Mompous erlesenem Werk wohl erst jetzt begegnen. Auch wenn man sich von dummem Schubladendenken verabschieden sollte, wonach Mompous Musik der katalanischen Schule – eine solche gibt es tatsächlich, und die drei Genannten zählen dazu – allein gehöre, verraten deren Versionen doch eine gewisse stilistische Einheitlichkeit. Sie alle verweigern sich einem allzu kulinarischen Klang; wir können das von der extrem spröden Aufnahme des alten Komponisten (bei Brilliant zu haben) bis zur in jeder Hinsicht herausragenden Alicia de Larrocha hören.
Volodos aber klingt auch in dieser Produktion wie Volodos, also ganz und gar nicht spröde, sondern überaus klangberauscht. Die anmutigen „Jeune filles au jardin“ aus den „Scènes d‘enfants“ wandeln, von den glitzernden Vorschlägen des Beginns an (stets unmerklich verändert, wer hat sonst solche Kontrolle über Mikronuancen?), in einem schillernden Licht vielfach gebrochener Farben. Das ist große Pianokunst, und doch scheint sich der Geist des Werks eigentümlich dahinter zurückzuziehen. Das Notenbild Mompous zeigt keine ausformulierte Gestalt, sondern Andeutung und Unfertigkeit – erst im Geiste des Hörenden und Weiterträumenden vollendet sich diese Kunst. Volodos aber bietet uns polierte „Endformen“. Die Musik wird unter diesem glänzenden Firnis fast unbedeutend, als sei sie nur der Farbträger.
Auch die rätselhaft aus dem Schweigen auftauchenden Aphorismen der späten „Musica callada“ überzieht Volodos mit einem opalisierenden Schmelz, kostet die exquisiten Harmonien aus und lässt sie pedalreich in der Leere nachhallen. Das ist betörend, aber verharrt auch im Selbstgenuss vollkommener Tonerzeugung, klebt zu sehr am Material, um mystisch zu sein. Bei der Larrocha, der Widmungsträgerin des vierten Heftes, wird bereits die Stille beunruhigend thematisiert, aus der diese gratigen Monologsplitter hervorbrechen. Wer sich das einmal anhört, wird bei Volodos eher von einem etwas überparfümierten Kuriosum als von der Referenz unter den Lesarten sprechen.
Freilich ein Kuriosum von herausragender, unbedingt zu würdigender Qualität, das gilt auch für das Booklet. Volodos´ kleiner Essay kündet von Respekt und Verständnis, und Adolf Pla, der kürzlich in Barcelona eine wunderschöne Ausstellung kuratierte, die den Parallelen zwischen Mompous Musik und Gaudis Architektur nachspürte, steuert einen klugen Beitrag bei. So ist es ein kleines Gesamtkunstwerk geworden.

Matthias Kornemann, 06.07.2013



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