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Überjam Deux

John Scofield

Emarcy/Universal 3733724
(61 Min.)

Was hat John Scofield in den vergangenen Jahren nicht alles gemacht: ein Ray-Charles-Tribut, eine Gospel-Platte, eine Aufnahme mit dem Metropole Orchestra, Swing- und Bop-Rückbesinnungen, ja, sogar ein Balladen-Album. Und jetzt? Man muss sich nur das reichlich seltsame Cover anschauen und die unglaublich billige Drummachine hören, die in den ersten Sekunden nach Start der CD albern vor sich hinpluckert. Da weiß man direkt, wo man dran ist: Der Gitarrist stattet seinem 2002 mit jungen Rhythmusfüchsen an Begleitgitarre (Avi Bortnick), Bass (Andy Hess) und Drums (Adam Deitch) gestarteten „Überjam“-Projekt mal wieder einen Besuch ab.
Im Vergleich zu dem vor zehn Jahren veröffentlichten Erstling klingt „Überjam Deux“ deutlich minimalistischer. Dafür heben sich die sparsam und konsequent eingesetzten Überraschungselemente umso deutlicher ab. Scofields Begleiter machen sich des Öfteren einen Scherz daraus, die Stücke mit Schlagzeug-Stampfen auf die Viertel und herumwuselnden Rave-Keyboards in Techno-Parodien zu verwandeln.
Man kann das wahlweise sehr komisch oder auch irgendwie leicht affig finden – ein logischer Schritt ist es schon. „Überjam Deux“ erweist sich nämlich als Ansammlung verschiedenster historischer Ausstellungsstücke der Abtanz-Kultur, um die Scofields Gitarre unermüdlich Improvisationsgirlanden windet: Fela Kutis Afrobeat wird da gehuldigt („Snake Dance“, „Camelus“), an Soul-Götter wie Al Green oder Curtis Mayfield erinnert („Al Green Song“, „Curtis Knew“), Johnny Nashs Reggae-Pophit „I Can See Clearly Now“ instrumental neu formuliert („Dub Dub“) und auch schrägen HipHop-Produktionen sowie Scofields Mentor Miles Davis Tribut gezollt („Torero“ klingt wie „Nardis“).
Fragen darüber, ob Scofield nicht auch mal einem anderen Solisten neben sich eine Chance hätte geben sollen, erübrigen sich: Gedanken würden hier nur vom Groove-Genuss ablenken.

Josef Engels, 20.07.2013



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