Am 21. August dieses Jahres wird die englische Mezzosopranistin Janet Baker 80 Jahre alt. Ihre Gesangskarriere hat sie schon vor langer Zeit beendet. Geblieben ist die akustische Präsenz ihres unverwechselbaren Stimmmaterials, bewahrt ist durch ihre zahlreichen CD-Einspielungen die Erinnerung an eine der charakteristischsten Interpretinnen des 20. Jahrhunderts.
Bei EMI, wo sie von 1966 bis 1990 unter Vertrag war, hat man anlässlich des Jubiläums kräftig in den Archiven gestöbert und auf zwanzig CDs wohl mehr oder weniger alles veröffentlicht, was greifbar war. Der Hinweis auf dem Rücken der Box, ein Drittel des Materials sei bisher nie auf CD greifbar gewesen, lässt das Sammlerherz höher schlagen – und in der Tat: Hier finden sich Dinge, von denen auch der Rezensent nichts geahnt hat. Englische Barocklieder von Dowland, Campion oder Purcell etwa, begleitet teils vom Lautenisten Robert Spencer, teils von Martin Isepp am Cembalo (1967). Oder ein „upgrade“ zu den sonst in Anthologien immer enthaltenen zwei Strauss-Liedern mit Gerald Moore, ebenfalls von 1967: Insgesamt sieben Titel umfasst diese Strauss-Gruppe hier, und ein Lied ist entzückender als das andere. Fragwürdiger sind die frühbarocken Duette (Schütz, Schein, Lilius) mit Fischer-Dieskau als deklamationsvernarrtem Gesangspartner (1970), der die Jubilarin zum harschen Akzentuieren zu verleiten scheint – eine nicht besonders erquickliche Alliance, eher zu Bakers Nachteil. Dabei beweisen vor allem ihre frühen Schubert-Einspielungen mit Moore am Klavier (1967, 1970), dass die Herangehensweise der sprachlich durch ihre österreichische Lehrerin Helene Isepp vortrefflich geschulten Sängerin an Schubert weitaus natürlicher war als etwa diejenige der deklamatorisch manipulativen Kollegin Schwarzkopf.
Neben all dem sind freilich auch die Highlights enthalten: Berlioz‘ „Les nuits d’été“, Ravels „Shéhérazade“ und Mahlers Rückert-Lieder unter Barbirolli etwa, unüberbietbare Klassiker der Gesangsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Betrüblich ist allein, dass diese gewaltige Sammlung nur noch minutiöser dokumentiert, was Baker-Kenner wissen: Ab Anfang der 70er Jahre ist ihre Stimme langsam immer „säuerlicher“ geworden – warum begann der Verschleiß so bedauerlich früh?

Michael Wersin, 03.08.2013



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