Von 1947 bis in die Gegenwart verwirklichte das zur „Deutschen Grammophon“ gehörende Label „Archiv-Produktion“ Aufnahmen mit Repertoire aus dem Bereich der „Alten Musik“. Legionen von Künstlern versammelten sich dafür an unterschiedlichsten Aufnahmeorten, gemeinsam mit einer ganzen Reihe wechselnder Verantwortlicher bei der „Firma“ prägten sie das Bild des Labels, das zu keiner Zeit ein einheitliches war: Man mag sich etwa fragen, warum sich Karl Richters hemmungslos romantische Bach-Interpretationen zu einer Zeit hierhin verloren, als schon intensiv mit historisierender Aufführungspraxis experimentiert wurde – und dennoch werden viele seine „Matthäuspassion“ von 1958, die in dieser Box vollständig enthalten ist, bis heute wegen ihrer einzigartigen Atmosphäre (Fischer-Dieskau als Arienbass!) genießen. Man wird andererseits staunen über die „Brandenburgischen“ mit August Wenzinger und den historisch informierten Musikern der Basler Schola Cantorum (ebenfalls vollständig in dieser Box), die einen Stand der historisierenden Praxis spiegeln, der heute schon wieder nostalgische Gefühle hervorruft. Man wird sich begeistern für die Corelli-Violinsonaten mit Eduard Melkus (1972), die ebenso zeitlos schön sind wie die Gregorianik-Einspielungen aus der Klosterkirche Beuron unter Maurus Pfaff (1952/54). Trevor Pinnocks „Goldberg-Variationen“ (1980), Nigel Rogers‘ frühbarocke italienische „Canti amorosi“ (1971/75) – man hat wahrlich jeweils die Größten ihrer Zeit gewonnen.
Dass freilich auch gewissenhaftest Erforschtes und Musiziertes eine kurze Halbwertszeit hat, muss nicht verwundern; man muss gar nicht über die Grenzen der eigenen biografischen Daten hinausgehen, um als engagierter Rezipient diese Erfahrung zu machen. Von Interesse sind neben der gewaltigen Menge interessanter Aufnahmen im Übrigen die „Grußworte“ der noch lebenden Produzenten des Labels, die sich am Ende des dicken Beihefts finden: Andreas Holschneider legt noch einmal Wert auf die Feststellung, dass die "Archiv-Produktion“ nicht für das Archiv produzierte, sondern vielmehr die Musik den Archiven entreißen wollte. Marita Prohmann berichtet freimütig von den Mühen, die es gekostet hat, das Label ins neue Jahrtausend zu retten: Selbst im Jahre 2001 saßen in den Chefetagen nicht nur der DG, sondern auch anderer großer Labels wohl immer noch „Fachleute“, die Alte Musik für abseitige Vegetarierkost hielten. Gut, dass die sich nicht durchgesetzt haben.

Michael Wersin, 17.08.2013



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