Johann Sebastian Bach

Die Englischen Suiten BWV 806 - 811

Richard Egarr

harmonia mundi, HMU 9075912
(141 Min., 9/2011) 2 CDs

 

Johann Sebastian Bach

Die Englischen Suiten BWV 806 - 811

Pascal Dubreuil

Ramée, RAM 1207
(142 Min., 10/2011) 2 CDs

 

Sie heißen zwar „Englische Suiten“, doch welcher Nation Bachs früher großer Suitenzyklus wirklich gehört, bleibt umstritten. Laut einer Quelle aus dem Besitz von Bachs jüngstem Sohn wurden die Stücke ausdrücklich „pour les Anglais“, also „für die Engländer“ verfertigt. Dennoch weisen die Suiten deutlich französische und so gut wie keine britischen Stilmerkmale auf. Am besten ist es also, man entscheidet den Streit auf Interpretenebene – und da fügt es sich gut, dass fast zeitgleich zwei der bedeutendsten Cembalisten Frankreichs und Englands ihre Sicht auf die Werke vorgestellt haben: auf der einen Seite der Brite Richard Egarr und auf der anderen Seite des Kanals der Franzose Pascal Dubreuil. Als hätten sie sich auch noch auf gleiche Waffen verständigt, verwenden beide Nachbauten von Instrumenten der Amsterdamer Cembalobauerdynastie Ruckers.
So spannend der Wettstreit auch scheint: Es dauert kaum länger als ein Präludium und wenige Tänze und die Sache ist entschieden. Ausgerechnet der innovative, brillante Egarr, der uns noch bei seiner Einspielung der Händelschen Orgelkonzerte mit überbordender Verzierungslust überraschte, scheint sich bei Bach aus übertriebenem Respekt selbst auszubremsen. Denn allzu oft schlägt sein Streben nach Klarheit in Nüchternheit um: So werden die Motive der Präludien oft nur gereiht, statt improvisatorisch aus einander hervorzugehen; die Tänze wirken stets einen Hauch zu stilisiert und die Jagdsignale der ersten Gigue wirken lustlos wie von einem Vegetarier geblasen.
Eine ganz andere Welt tut sich bei Pascal Dubreuil auf: Sein interpretatorischer Ansatz besteht darin, die barocke Rhetoriklehre bis in feinste Details auf musikalische Strukturen zu übertragen. Die Akribie, mit der Dubreuil das tut, grenzt zwar theoretisch schon an eine fixe Idee, praktisch jedoch erweist sich die Anlehnung an die Redekunst als wirkungsvolle Inspirationsquelle für die Gestaltung von Spannungsbögen: Obwohl Dubreuil reichhaltiger und vielfältiger verziert als Egarr, verliert er niemals den roten Faden, sondern weiß seine Hörer in beständiger Aufmerksamkeit auf das Kommende zu halten. Dies gilt auch für die Suiten als Ganzes, in denen beispielsweise immer deutlich zwischen den anspruchsvollen, Konzentration heischenden Allemanden und den leichtgewichtigeren Modetänzen wie Gavotte, Menuett oder Passepied unterschieden wird. Es gibt allerdings auch Momente, in denen Dubreuil leicht über das Ziel hinausschießt: Den neckischen Terzentriller der schlichten zweiten Gavotte hat Egarr einfach besser verstanden und wenn Dubreuil auf das klopfende Achtelmotiv im Prélude der sechsten Suite mit einer kleinen Tempoverzögerung aufmerksam zu machen sucht, dann läuft auch er Gefahr, den Puls und improvisatorischen Gestus der Musik zu verlieren. In der abschließenden Gigue sind die Kräfteverhältnisse allerdings wieder klar: Ihre Triller, die auf Egarrs kammermusikalisch aufgenommenem Instrument klar und durchsichtig tönen, werden unter den halliger und orgelartiger inszenierten Klängen von Dubreuils farbenreichem Cembalo zu einem beeindruckend prasselnden Höllenfeuer.

Carsten Niemann, 10.08.2013




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