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György Ligeti, Samuel Barber

Streichquartette, Adagio

Keller Quartett

ECM/Universal 002894810026
(51 Min., 6/2007, 10/2011)

Als György Ligeti 1952/53 sein 1. Streichquartett noch in der ungarischen Heimat komponierte, predigten im Westen die Speerspitzen der Nachkriegsavantgarde bereits die radikale Durchrationalisierung von Musik. 15 Jahre später – Ligeti war längst in den Westen geflüchtet – entstand sein 2. Streichquartett in einer Zeit, in der die einstigen Hohepriester des Serialismus sich mittlerweile im politischen Kampf (Luigi Nono) oder esoterischen Ideengebäuden (Karlheinz Stockhausen) befanden. So konträr Ligetis Beschäftigung mit der kammermusikalischen Königsgattung ausgefallen ist, was Form und Ausdruck angeht, so spiegeln beide Quartette doch seine gedankliche Unabhängigkeit von Dogmen jedweder Art wider. Von seinen Kollegen wäre er daher in den 1950ern für seine Rückbezüge auf Béla Bartók geteert und gefedert worden. Und wenngleich das 2. Quartett zumindest an die Chromatik seines Erstlingswerks anknüpft, pulverisierte Ligeti erneut das konturierte Stimmengeflecht und erkundete die Bewegungsstrukturen von Musik auf ganz unterschiedliche Weise.
Das einsätzige 1. Streichquartett, das Ligeti mit „Métamorphoses nocturnes“ untertitelt hat, besitzt mit seinen expressionistischen Schraffuren einen beklemmenden Drive. Das fünfsätzige Zweite ist ein Ausbund an flirrenden Klangeffekten und regelrecht chorisch anmutenden Slow-Motion-Achterbahnen, an tickenden Pizzicati und minimalistisch dahingleitenden Momenten. Und ob sich hier wie da zudem grotesk Spöttisches und feingliedrig Traumhaftes im Gewebe festsetzt – das ungarische Keller Quartett kann mit bestmöglichem Gespür all diese Ausdruckszonen mit einer ungeheuren Spannung aufladen und genauso wieder mikrofaserfein entladen. Zwischen diesen beiden Seiten einer Ligeti-Medaille hat man das berühmte „Adagio“ aus dem Streichquartett des Amerikaners Samuel Barber gestellt. Und wenngleich das Keller Quartett dieses Stück mit seinem hymnischen Fluss wie aus einer ganz anderen Zeit hineinschweben lässt, steht es dem Ausdrucksmusiker Ligeti näher als man vermutet hätte.

Guido Fischer, 24.08.2013



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